Johannes von Segovia im Gespräch mit Nikolaus von Kues und Jean Germain über die göttliche Dreieinigkeit und ihre Verkündigung vor den Mohammedanern

Rudolf Haubst
2014
Was Johannes v. Segovia in das Licht der Geschichte rückte, war seine Tätigkeit in Basel, vor allem die des Jahres 1439. Durch nicht weniger als vier große Traktate griff er damals.in die konziliare Kirchenpolitik ein und trieb diese ihrer ärgsten Konsequenz, der Absetzung des Papstes und dem Schisma zu 1 ). Als es dann darum ging, die deutschen Fürsten aus ihrer diplomatischen Neutralität herauszulocken, trat wiederum "Segovia", jetzt in der Würde eines Kardinals, als Sprecher des Konzils
more » ... er des Konzils hervor, wurde dabei aber März 1441 auf dem Reichstag von Mainz in einer dramatischen Auseinandersetzung von Nikolaus v. Kues mit den stärkeren Argumenten zurückgeschlagen 2 ). Schließlich bot er dann noch nach Beendigung des Konzils die Hauptquelle zu dessen Geschichte in seinen Gesta concilii Basiliensis. Johannes v. Segovia war also einer der bedeutendsten und auch entschiedensten Verfechter der konziliaren Doktrin. Aus dem meist in den Rahmen formaler Kanonistik eingespannten Typ der Konzilsliteratur treten seine Traktate indes schon durch ihre ungewöhnliche geschichtliche und biblisch-dogmatische Fundierung heraus. Er selbst entfaltete in Basel zudem besonderen Eifer für die Dekretierung der Unbefleckten Empfängnis als Dogma 3 ). In erster Linie als Theologen zeigt ihn dann aber das Schrifttum seiner letzten Jahre, die er nach der Unterwerfung des Gegenpapstes mit dem Titel eines Erzbischofs von Caesarea in dem Benediktinerpriorat Aiton in der Diözese Maurienne (Savoyen) verbrachte. Dieses ist uns nämlich, bisher noch kaum beachtet 4 ), zum guten Teil in Cod. Vat. lat. 2923 erhalten. Seine ganze frühere konziliaristische Tätigkeit ist darin fast wie in Vergessenheit versunken, als sei nie Kampf gewesen. Um so mehr lebt die Gedankenwelt des einstigen magister theologiae an der Universität Salamanca wieder auf, besonders seit dem Fall Konstantinopels (29. Mai 1453), um sich fortab zugleich in den großen Plan einer religionsphilosophischen Auseinandersetzung mit dem Islam einzureihen. Von nun an sehen wir Johannes v. Segovia getrieben von der Überzeugung, die er aus mehrfacher persönlicher Begegnung mit Mohammedanern gewonnen ') Joh. Halle r, Concilium Basiiiense, Bd. I (Basel 1896) 26-39. 2 ) Deutsche Reichstagsakten Bd. XV (Gotha 1914) n. 345 f. und 370 (Bericht des Nikolaus v. Kues selbst). *) H a 11 e r a. a. O. 24 f. 4 ) Eine eher irreführende als orientierende Inhaltsangabe dieses Kodex gibt D. N. Antonius, Bibliotheca Hispana vetus t. II (1788) n. 257. Richtiger ist die Anm. 3 H a 11 e r a. a. O. 41; zutreffend: Vansteenberghe, Le cardinal Nie. de Cues (Paris 1920) 228 n. 2. hat, daß jetzt erst recht nicht die kriegerische Auseinandersetzung, sondern "die Belehrung und der Weg des Friedens", die Beseitigung von Vorurteilen und die Erschließung eines Zugangs zu den Glaubensmysterien die vordringliche Aufgabe der Kirche Christi gegenüber den Mohammedanern seir Dabei wird, wie wir sehen werden, nicht von ungefähr die Frage nach der Verkündbarkeit des trinitarischen Grundgeheimnisses, im besonderen vor den Mohammedanern, in den Vordergrund gerückt. I. Mit der Frage, "ob man nicht, von der notwendigen Verteidigung abgesehen, viel mehr den Weg des Friedens als des Krieges zur Uberwindung der Sekte Mohammeds beschreiten solle," tritt Johannes v. Segovia, wie dies Folio 4r-33r des Cod. Vat. lat. 2923 zeigen, am 2. Dezember 1454 zunächst in einem großen Briefe an den Kardinal Nikolaus v. Kues heran. Er tut es mit einer vorsichtigen Erinnerung an ihre früheren freundschaftlichen Begegnungen in Basel (April 1433 bis Mai 1437) und in dem besonderen Vertrauen, daß dessen überragend großer Geist, wie er ihn selbst aus eigener Erfahrung kennen lernte, gerade an den schwierigen, von ihm aufgerollten Fragen, lebhaftes Interesse finden werde 5 ). Darnach beginnt er unvermittelt mit dem Bericht über eine Aussprache (collatio) -sofern es sich nicht um eine öffentliche Disputation handelt, wie eine andere Quelle nahelegt 6 ) -, die er vor geraumer Zeit (dudum) mit einem Gesandten des Königs von Granada in spanischer Sprache hatte, und zwar "über das Mysterium der Trinität" (5r, 16ff.). Bei dieser geriet zunächst der Maure außer sich vor Empörung über den "Unglauben" der Christen, weil diese zwei Götter anbeteten, einen im Himmel und einen auf Erden, einen, der lebt, den Schöpfer, und einen Gestorbenen, den Sohn Mariens. Dazu habe noch dieser Gott selbst seinen Sohn in den Tod hingegeben, während doch jeder Vater, wenn sein Sohn im Kerker liege, die Hand des Richters küsse und Geschenke bringe, damit dieser freigelassen werde. -"Nicht zu verwundern!", bemerkt dazu Segovia, im Hinblick auf ihr "Gesetz", das an mehr als 100 Stellen die Christen als "Anbeter derer, die Gottes (nur) teilhaftig sind", bezeichnet (5r, 18-32). -Als er sodann den Sarazenen fragte, über welche der beiden "Absurditäten, die er der Christenreligion vorwarf, er denn zuerst etwas hören wolle -über die, daß Gott einen Sohn habe, oder die, daß dieser für das Menschengeschlecht gestorben sei -, antwortete dieser: von dem ersten. -• Segovia machte nun den Sarazenen zunächst dadurch stutzig, daß er rundweg behauptete: "Auch wenn uns das nicht offenbart wäre, so stände es durch die Vernunft fest, daß Gottes Sohn so gut wie der Vater von Ewigkeit her ist." Als erstes erlangte er sodann von ihm das Zugeständnis, daß es von Ewigkeit her in Gott ein "Wort" gebe, da Gott sich ja von Ewigkeit her selbst erkenne und das Wort nichts anderes als die ausgeprägte Ähnlichkeit Gottes sei, da jede Erkenntnis auf einem Ähnlichbild beruhe; ferner, daß dieses mit der göttlichen Substanz identisch sei, da es s ) Vgl. Cod. Vat. lat. 2923, 4r, 31-5r , 15. -Die folgenden zahlreichen Stellenangaben aus diesem Kodex werden der Einfachheit halber meist in den Text selbst eingeschaltet. 6 ) Nach Antonius (a. a. O. n. 174) hat diese Disputation bereits im Jahre 1431 in einem Ort Medina, wo sich damals König Johann II. von Kastilien aufhielt, stattgefunden. Von seinen (zunächst vergeblichen) Bemühungen, einen Mohammedaner zu finden, der sich ihm zu einer Aussprache stellte, spricht Joh. v. Seg. 64r, 27 ff. Er datiert dort diese auf Juli 1431.
doi:10.5282/mthz/173 fatcat:gippq4ettnbm7ldnomsqndaxom