Das prinzipielle Ausmaß der individuellen Hilfspflichten [chapter]

2009 Individuelle oder gemeinsame Verpflichtung?  
In diesem Kapitel soll untersucht werden, welches Ausmaß die Verpflichtungen angesichts gravierender Übel annehmen können, wenn Individuen als Adressaten moralischer Forderungen angesehen werden. Dabei werde ich von idealisierten Akteuren ausgehen, für die keine psychische Überlastung existiert und denen prinzipiell Beliebiges zugemutet werden kann. Eine mögliche Überforderung realer Personen soll im zweiten Kapitel gesondert diskutiert werden. 21 Die Auslagerung des Überforderungsproblems hat
more » ... olgenden Grund: Es handelt sich um einen Gesichtspunkt, der nicht nur in spezifischen Moraltheorien eine Rolle spielt. Vielmehr wird er, wenn er als relevant angesehen wird, theorieübergreifend in Anspruch genommen. Er bildet für viele Ethiker eine Voraussetzung, unter der sie ihre jeweilige Moralkonzeption entwickeln oder konkretisieren. Um die Überforderungseinwände nicht mehrmals zu behandeln und die Analyse der einschlägigen Moraltheorien nicht weiter zu verkomplizieren, erscheint es mir sinnvoll, diesem Problem ein eigenes Kapitel zu widmen. Außerdem wird es hier noch nicht darum gehen, was Individuen vorzugsweise tun sollten, wenn sie mit gravierenden Missständen konfrontiert sind; diese Frage wird erst im dritten Kapitel thematisiert. In diesem Kapitel spreche ich undifferenziert von "Hilfspflichten". Die Antwort auf die Frage nach dem Ausmaß der Hilfspflichten ergibt sich aus einer angemessenen Moraltheorie. Anstatt jedoch für eine bestimmte Moraltheorie zu plädieren, wird in diesem Kapitel methodisch wie folgt vorgegangen: Es wird eine Grundposition vorgestellt, der zufolge Individuen angesichts gravierender Übel sehr viel tun müssen, und dafür argumentiert, dass sie von verschiedenen Moraltheorien akzeptiert werden sollte, die gewisse Adäquatheitsbedingungen erfüllen. Dieses Ergebnis ist 21 Im vorliegenden Kapitel werden nur solche Positionen kritisch diskutiert, die Überforderung nicht eigens thematisieren, sondern bestreiten, dass sich im jeweiligen Theorierahmen überhaupt hohe Forderungen angesichts gravierender Übel ergeben. Stephan Schlothfeldt -9783969750070
doi:10.30965/9783969750070_004 fatcat:6hdq47lnhffkjhlmop3gnagtc4