Die Anzeigepflicht bei Tuberkulose

C. Fraenkel
1902 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Als die Bestrebungen zur Bekämpfung der Tuberkulose auf dem Berliner Congress vom Jahre 1899 zuerst einen weithin sichtbaren Ausdruck fanden und sich mit gewaltigem Flügelschiage von dem Boden der ztinftigen Gelehrsamkeit erhoben, der ihnen bis dahin als Pflegestätte gedient, fehlte es nicht an Stimmen, die in den Becher der Freude über das Gelingen dieser glänzenden Veranstaltung alsbald auch bittere Wermuthstropfen zu mischen bemüht waren. Die einen glaubten vorhersagen zu können, dass auf
more » ... können, dass auf den stolzen Aufschwung schnell ein ebenso rascher und tiefer Niedergang folgen werde, dass die in einflussreichen Kreisen wie in den breiten Schichten der Bevölkerung erweckte Theilnahme doch in Wahrheit nur eine künstliche sei und ehestens der früheren Gleichgültigkeit Platz machen werde. Andere zeigten sich namentlich besorgt, dass die warme Empfehlung der Heilstätten, in die der Congress schliesslich ausgeklungen, zu einer einseitigen Bevorzugung dieses Mittels führen und uns verleiten werde, alle übrigen Abwehrmaassregeln zu vernachlässigen. Glücklicherweise sind diese Unkenrufe auch nicht zum kleinsten Theile in Erfüllung gegangen. Die Bewegung hat vielmehr noch an Kraft und Tiefe gewonnen; sie ist von uns aus in nahezu sämmtliche anderen Kulturländer vorgedrungen, und wenn sie dort meist noch nicht die sichere und gefestete Form angenommen, die sie in Deutschland besonders auf der Grundlage der sozialen Gesetze leicht gefunden, so dürfen wir doch ihre weitere gedeihliche Entwickelung auch draussen mit Bestimmtheit erwarten. Fast noch weniger aber ist die zweite Befürchtung eingetroffen, dass man das ganze Glück auf die eine Karte der Heilstätten setzen werde, und schon ein flüchtiger Ueberblick über die sonst hier noch ergriffenen Maassnahmen wird uns lehren, dass es an der nöthigen Arbeit nicht gefehlt hat, um die Tuberkulose auch mit anderen Waffen zu bekämpfen, die sich für den Seuchenschutz bewährt haben. Das gilt zuerst von den Bemühungen, eine möglichst frühzeitige Erkennung der einzelnen Fälle des Leidens durch Verbesserung unserer diagnostischen Hilfsmittel anzubahnen und zu erleichtern. Namentlich sei dabei der Vorkehrungen gedacht, die einer Untersuchung verdächtiger Auswuristoffe auf XXVIII. Jahrgang. INHALT. pius in Moskau. S. 195. Mittheilnngen liber Congresse. S. 196. Kleine Mittheilungen. S. 196. Tuberkelbazillen dienen; in einer Anzahl von Städten sind für diesen Zweck bekanntlich öffentliche, jedem Arzte zugängliche Stellen geschaffen worden, und man wird nur wünschen können, dass das so gegebene löbliche Beispiel an recht vielen Orten baldige Nachahmung finde. Als unerlässliche Vorbedingung für eine erspriessliche Wirkung dieser Einrichtung muss dabei freilich die Forderung bezeichnet werden, dass die Untersuchungen völlig unentgeltlich ausgeführt werden, so wie das z. B. hier in Halle seit mehr als Jahresfrist, und zwar nicht nur für Tuberkulose, sondern für sämmtliche Infektionskrankheiten mit bestem Erfolge geschieht. Die verhältnissmässig geringen dadurch entstehenden Kosten werden durch den Nutzen der Maassregel für die Allgemeinheit mehr als reichlich aufgewogen. Die Desinfektion der Räume, in denen Tuberkulose gehaust, ist dann an zweiter Stelle zu nennen. Seit die Wohnungsdesinfektion durch die Benutzung des Formaldehyds eine so wesentliche Vereinfachung erfahren, ist an vielen Orten eine Desinfektion wenigstens bei allen Sterbefällen an Tuberkulose vorgeschrieben worden. Hier und da hat man, wie ich weiss, sogar schon einen Anlauf genommen, um die Verpflichtung auch auf diejenigen Erkrankungen an Tuberkulose auszudehnen, bei denen ein Wohnungswechsel, durch Umzug oder Uebergang der Patienten in eine Heilstätte u. s. w. statt hat. Indessen haben sich hier erhebliche Schwierigkeiten geltend gemacht, von denen später genauer die Rede sein wird und die der allgemeinen Einführung einer so erweiterten Desinfektion bisher noch im Wege gestanden haben. Von hervorragender Bedeutung in diesem Zusammenhange ist ferner das gerade neuerdings von verschiedenen Seiten mit Nachdruck vertretene Bestreben, neben den Heilstätten sogenannte Heimstätten oder Schwindsuchtsasyle zu errichten, welche die vorgeschrittenen, nicht mehr genesungsfähigen Formen des Leidens aufnehmen und durch deren so bewirkte Isolirung und Absonderung die gesunde Umgebung der Kranken gegen die Uebertragung des Ansteckungsstoffes schützen sollen. Endlich aber verdient wohl noch die Thatsache Erwähnung, dass die Heilstätte selbst, bei aller Anerkennung ihrer unschätzbaren Vorzüge und Leistungen, nicht als der alleinige Weg angesehen wird, um die Anfänge des Uebels zu behandeln, dass man vielmehr auch ausserhalb der Sanatorien dieser Aufgabe zu genügen sucht. Besonders bemerkenswerth erscheint es, dass Mit Berücksichtigung des deutschen Medicinaiwesens nach amtlichen Mittheilurgen, der öffentlichen Gesundheitspflege und der Interessen des ärztlichen Standes.
doi:10.1055/s-0029-1203443 fatcat:4ijr53f5dzccjeyvx3tley5xae