Manifestation einer alternativen Rechtskultur: 2. Alternativer Juristentag

Theo Rasehorn
1992 Kritische Justiz  
Schon seit etwa 2 Jahrzehnten sehen gesellschaftlich und politisch engagierte Juristen im Deutschen Juristentag (DJT) kein Forum für gesellschaftsbezogene Rechtsreformen mehr' . Diese Juristen zu einer gemeinsamen Tagung zu versammeln, wie eben beim DJT, erwies sich als sehr schwierig. So waren selbst die Protagonisten überrascht, im vergangenenJahr beim I. Alternativen-Juristentag (AJT) fast 250 Teilnehmer zu finden" eine Zahl, die vom 29. November bis I. Dezember 1991 trotz des geringen
more » ... des geringen zeitlichen Abstands -in Zukunft ist ein zweijähriger Turnus, im Jahr zwischen den DJ-Tagen, vorgesehen -auf fast 400 angestiegen war, darunter der niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder. Er nahm auch das Wort: Keine der üblichen Begrüßungsansprachen, sondern ein persönliches Wort zu den Problemen, die heute einen engagierten Juristen bewegen. Ein Gegenjuristentag also, der sich mit dem schicken »Alternativ«-Mäntelchen schmückt? Kaum. Nirgendwo ist wohl im Rechtsbereich »Alternativ« so zutreffend wie hier. Die durchaus ernstzunehmende Befürchtung alls einem Kreis progressiver Richter, auch hier würden »Richterinnen ... zum Kopfsteinpflaster für die Auftritte von Festspielhelden«l -also repräsentativer »linker« Rechtslehrer -wurde nicht wahr. Die Diskussion wurde von der »Basis«, von nicht bekannten Juristen, ja Noch-nicht-Juristen, Studenten und Referendaren, bestimmt und auch nicht von Wissenschaftlern, sondern von Praktikern aus Gerichten, Behörden, auch Betrieben und nicht zuletzt aus der Anwaltschaft. Juristinnen waren nicht nur Dekoration, beim DJT eigentlich dem Damenprogramm zugedacht, sondern stellten nahezu die Hälfte der Teilnehmer, waren also im Vergleich zu ihrem Anteil an der Juristenschaft überrepräsentiert. Alternativ ist auch die organisatorische Gestaltung. Der AJT hat keinen juristischen Mantel, hat nicht einmal trotz der in der Einladung genannten unterstützenden Personen und Organisationen einen formellen Veranstalter. Er läuft gewissermaßen spontan ab. 4 Der AJT bewirkt nicht nur die Festigung des Selbstverständnisses aufgeschlossener Juristen und Handreichung für den Berufsalltag, in dem sie sich als Minderheit unter unpolitischen und damit unspezifisch konservativen Juristen befinden, sondern ist vor allem eine Manifestation einer alternativen Rechtskultur. In einer Zeit der Defensive der progressiven Intelligenz, ihrer Zersplitterung in Gruppen und Einzelpersonen, ist es ausgerechnet im konservativ geprägten Rechtsbereich zu einer Offensive gekommen, bei einer eher individualistisch ausgerichteten Profession zu einer Sammlung von auf Gruppen und Grüppchen verteilten Juristinnen und Juristen, von der SPD und den Grünen, über den Richterratschlag, der ÖTV in der Rechtspflege, der Neuen Richtervereinigung, dem Republikanischen Awältinnen-und Anwälteverein, bis zur Humanistischen Union, um die wichtigsten Gruppen zu nennen, zu denen viele institutionell ungebundene hinzukommen. Eine Rechtskultur, die sich 1 Vgl. Theo Raseho rn, Empfiehlt es sich, einen Alternauven Juristentag einZUrichten?, KJ 1991, 69ff. 2 Vgl. die vom Republikanischen Anwalunnen-und Anwalteverein, H annover, herausgegebene Dokumentation Alternauver Juristentag 2).-25. November 1990. Klaus Beer, Skepsis gegenuber dem .A lternativen Junstentag«, Betrifft Justiz 1989, 98. Wenn gleichwohl die Organisation reibungslos war, so ist dies vor allem ein Verdienst von Rechtsanwalt Bertram Borner und Rechtsanwaltin Margarete F.bricius-Brand, ohne deren personliches Engagement es wohl nicht zum AJT gekommen ware.
doi:10.5771/0023-4834-1992-1-94 fatcat:q3urhqtitff2dmzskqclqxbme4