Geographie und Soziologie

E.W.
1960 Geographica Helvetica  
Die «junge» Wissenschaft Soziologie steht im Zuge, sich rasch zu intensivieren, was nach außen vor allem in der bereits unübersehbaren Verzweigung (Agrarund Industriesoziologie, Familien-, Dorf-, Stadt-, Geschichts-, Kultur-, Sozial-, Kunst-,Wissenssoziologie, Pädagogische, politische, wirtschaftliche Soziologie, soziale Morphologie, Oekologie usw.) Ausdruck findet. Der Grund hiefür ist sicher nicht in der Tendenz der (oder einzelner) Soziologen zu sehen, ihre Disziplin um jeden Preis ins
more » ... den Preis ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stellen, wie manchmal beinahe zu vermuten wäre. Vielmehr ergibt er sich wohl einfach aus dem mit der unaufhaltsamen Zunahme der Bevölkerungszahl wachsenden Anfall von Sozialbzw. Gruppenproblemen. Die¬ ser läßt auch verstehen, wenn je länger desto vernehmlicher eine Vermehrung der Lehrstühle an den Hochschulen und überhaupt eine bessere Berücksichtigung der Soziologie an diesen ge¬ fordert wird. Wie dem nun sei: für die Geographie erwächst aus der Verstärkung der soziolo¬ gischen Bestrebungen die Aufgabe, sie aufmerksam zu verfolgen. Besondern Anlaß hierzu hat unsere Disziplin, weil 1. ihr eigenes Objekt, die Landschaft oder die landschaftliche Erdhülle, ein ausgesprochenes «gesellschaftliches» Gebilde, ja insofern es die «Vergesellschaftung» der Gesteine, Luftmassen, Gewässer, Pflanzen, Tiere und Menschen umfaßt die Assoziation aller erdoberflächlichen Assoziationen darstellt (womit die Geographie gewissermaßen Soziologie der Soziologien wäre) und 2. die menschliche Gesellschaft die Landschaft so tief und nachhaltig mitprägt, daß diese letztere ohne deren Kenntnis unverständlich bliebe. In den letzten Jahren ist es denn auch beinahe zum guten Ton geworden, einerseits die älteren Geographen damit abzustempeln, daß sie nicht' den «Weg zur Gesellschaft gefunden hätten», andererseits in fast
doi:10.5194/gh-15-110-1960 fatcat:zkg6wptmgrbg5natq7pbnsr2ye