Beitrag zur Kenntniss des Papilloma neuropathicum

H. Albers-Schönberg
1895 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
der Litteratur über das Papilloma neuropathicum von 1829-1886, sowie . ein ausführliches Referat über die in diesem Zeitraum beschriebenen Ftlle finden wir in einer Inauguraldissertation von Haegele1) (Würzburg 1886). Seitdem sind hier und da vereinzelte Fälle beschrieben worden. Erst Unna hat wieder im Lehrbuch der speziellen pathologischen Anatomie von Orth diese interessante Hautaffection einer eingehenden Besprechung unter Heranziehung der Litteratur unterzogen. Bevor ich in Folgendem über
more » ... in Folgendem über einen in der TJniversitäts-Frauenklinik zu Leipzig beobachteten Fall berichte, soll in kurzer Zusammenstellung ein Bild dieser Afiection, wie es aus den verschiedenen in der Litteratur niedergelegten Fällen resultirt, gegeben werden. Unter neuropathisehem Papillom versteht man eine relativ selten zur Beobachtung kommende Hauterkrankung, über deren Wesen und Entstehung bis jetzt verhältnissmitssig wenig bekannt ist. Im wesentlichen ist sie dadurch charakterisirt, dass sich stets genau halbseitig im Bereiche gewisser Hautnerven, ähnlich wie beim Herpes zoster, multiple papillare Wucherungen bilden, welche mehr oder weniger prominent, bald pigmentirt, bald pigmeiltios sind. Es scheint in einzelnen Fällen ein gewisser litiologischer Zusammenhang zwischen dem Auftreten dieser Excrescenzen und mehr oder weniger schweren Affectionen des centralen und peripheren Nervensystems zu bestehen, ein Zusammenhang, welcher die Veranlassung zu der Benennung neuropathisehes Papillom (Gerhardt2), Naevus unius lateris (y. Baerensprung3), Naevus neuroticus (Neumann 4), Naevus linearis ([Jnn a5), Nervennävus (Lesser6), gegeben hat. Neuropathisehe Belastung (Gerhardt) sowie direkte Erblichkeit spielen in der Aetiologie dieser Erkrankung scheinbar eine gewisse Rolle. Haegele beschreibt einen Fall von neuropathischem Papillom der Stirn bei einem Manne, in dessen Familie die gleichen Geschwulstbildungen vorkamen. y. Recklinghausen7) hält das neuropathische Papillom für eine der Ichthyosis congenita verwandte Erkrankung. Bei beiden handele es sich um papiläre Hypertrophieen in Verbindung mit Affectiorien der Nerven. Beim Papillom sei die Epidermis weniger verdickt, dagegen wie bei der Ichthyosis congenita zerklüftet. "Eine ähnliche, aber lokal beschränkte Affection. führt zur Bildung der sogenannten Hauthörner, Cornua cutanea" (Orth8). Als Ursache nimmt y. Recklinghausen eine congenitale Neuritis mit consecutiven vasomotorischen Störungen an. Unna rechnet die neuropathischen Naevi (Nervennaevi, keratoide Naevi) nicht zur Ichthyosis congenita, welche entgegen der Lokalisation der Naevi neuropathici an Contactstellen, Achselgegend, Inguinalgegend, Knie und Ellenbeuge fehlt und an den Beugeseiten weniger entwickelt ist. Er zählt die halbseitigen Naevi zu den Wueherungsgesehwülsten der Haut und wählt den Namen Naevus linearis "als einen nichts präjudicirenden Ausdruck für alle diejenigen Gebilde, welche in Linien und Streifen angeordnet sind und welche gewisse feste Richtungen an der Haut innehalten, so dass alle Neubildungen dieser Art, sie mögen äusserlich den verschiedensten Anblick darbieten, bloss durch die topographische Uebereinstimmung innerhalb jeder Region sich ähnlich sehen." Als Ursache nimmt Unna eine angeborene gewebliche Differenz an, ohne dabei auf die Nerven zu recurriren. Die Affection pflegt in weitaus der Mehrzahl der Fälle congenitalen Ursprungs zu sein, oder aber sie entwickelt sieh in frühester Kindheit und macht unter Umständen zur Zeit der ersten Pubertät einen erheblichen Fortschritt9). Vereinzelt sehen wir sie noch später auftreten, so im 14. und im 27. Lebensjahre'0). Gerhardt fand bei der mikroskopischen Untersuchung der neuro-H ne g ele, Ein Fall von Papilloma neuropathieum frontis. Inaug.-Diss. Würzburg 1886. Gerhardt, Beobachtungen über neuropathiscbe.s Hautpapillom. Jahrbuch für Kinderheilkunde und physische Erziehung 1871, Bd. IV. y. Baerensprung, Naevus unius lateris. Annalen des Charitékrankenhauses 1863, XI. Neumann, Oesterreichisches Jahrbuch für Padiatrik 1877, Bd. II. Unna 1. e. L e s se r, Lehrbuch der Haut-und Geschlechtskrankheiten. y. Recklinghausen, lieber die multiplen Fibrome der Haut. Berlin 1882. Orth, Pathologisch-anatomische Diagnostik. Esmarcli und Kulenkampff, Die elephantiastisehen Formen. 1885. Ge b er, Medicinisch-chirurgische Rundschau 1872. pathischen Papillome, dass sich an der Geschwulstbildung Cutis und Epithel betheiligten. Die Cutis ') zeigte die gewöhnliche Beschaffenheit des Corium, von welcher sie sich nur durch stellenweise grösseren Reiehthum an Lymphkörperchen zwischen den etwas gelockerten Bindegewebsfibrillen unterschied. Die Arterienzweige waren verhältnissmässig dick ; die Scheiden der kleinsten Arterien hier und da von mässig weiten Lücken in der Bindesubstanz durchsetzt. Gegen die Oberfläche verlängerte sich die Cutis zu theils kolbigen, theils fingerförmigen, zwischen 0,5 und 1 mm, nur in der Länge wechselnden Papillen. Sie enthielten Gefässsehlingen und bestanden aus fibrillärem, hier und da zellenreichem Bindegewebe. Diese Papillen wurden überzogen von einer Lage senkrecht aufsitzender, cylindriseher Zellen von 0,006 mm Breite und 0,012 mm Höhe. Sie glichen cyhindrischen Zellen der untersten Schicht des Rete Malpighii, zeichneten sich aber vor denselben durch grossen Reichthum an braungelbem Pigment im Protoplasmakörper aus. Au sie schlossen sieh abgeplattete Zellen mit hyalinein Inhalt an, zum Theil deutlich gerifft, um an der Oberfläche einer dünnen Lage verhornter Zellen Platz zu machen. In der Tiefe zwischen den einzelnen Papillen waren die Epithelien zu kugeligen Gruppen von concentrischer Schichtung mit einem Durchmesser von 0,4-0,2 mm angehäuft." Petersen2) beschreibt einen Naevus unius lateris von papillärem Bau, welcher als solcher imponirte, sich dagegen bei der mikroskopisehen Untersuchung als Knäueldrüsengeschwulst erwies. Elliot8) sah einen knötcheriförmigen Naevus unius lateris in der Schultergegend mit Neiung zur Blutung Mikroskopisch stellte sich eine cystenartige Erweiterung der Knäuel und Gänge, sowie der Sehweissporen heraus. Die Lokalisation der papillaren Wucherungen ist eine ausserordentlich verschiedenartige, man kann wohl sagen, dass die meisten Körpertheile bisher schon ergriffen seien. Gesicht, Stamm und Extremitäten werden annähernd gleich oft betrofien. Im Gesicht die Lippen, Nase, Wangen, Kinn, Stirn und Ohrgegend. Am Stamm, wohl am häufigsten der Rücken und die Brust, hier wieder mit besonderer Vorliebe die Achselhöhle. An den oberen Extremitäten sehen wir dio Papillome vielfach an den Oberarmen, und zwar meist an der medialen Fläche derselben. Oft werden Oberschenkel, Becken und Genitalgegend befallen, seltenere Lokalisationen sind die behaarte Kopfhaut, Nacken, Hals-und Kehlkopfgegend, Hände, Finger, Penis, Hoden, Labien, Fussohlen und Schleimhäute. Simon4) berichtet von einem l8jährigen Mädchen, welches einen Nervennävus im Gebiete des linken zweiten Trigeminusastes hatte. Die Mulldschleimhaut, der harte Gaumen, die Tonsillen und die Arcus palato et pharyngoglossi waren linkerseits stärker injicirt als rechts, wobei die Hyperämie genau die Mittellinie einhielt. Pott5) beschreibt einen Fall von neuropathischem Papillom auf der rechten Seite des Gesichts, Halses und behaarten Kopfes. Die warzigen Wucherungen griffen auch auf die Mundschleimhaut über und fanden sich auch hier nur rechtsseitig. Nirgends wurde die Mittellinie des Gaumens überschritten. Befallen waren Lippen und Wangenschleimhaut, die rechten Gaumenbögen, der weiche Gaumen und die Uvula, letztere aber ebenfalls nur rechtsseitig. Die Papillome sind in der Regel kleine, stecknadelkopf-bis bohnengrosse, warzige Prominenzen, welche meist mit breiter Basis oder hahnenkammartig, seltener gestielt der Haut aufsitzen. Ihre Oberfläche ist fast immer gerunzelt, im allgemeinen unbehaart, in vereinzelten Fällen dagegen mit reichlichem Haarwuchs bedeckt. Nicht selten finden sich neben diesen warzigen auch kleinere, sich kaum oder garnicht aus dem Niveau der Haut erhebende papilläre Excrescenzen oder Flecken, dieselben bilden bei Anordnung der Papillome entsprechend dem Verlauf eines Hautnerven in Streifen oder Zügen vielfach die Anfänge oder äussersten Ausläufer der letzteren und wandeln sich unter Umständen später in Warzen um. Esmarch und Kulenkampff beschreiben ein mit multiplen braungelben Flecken zur Welt gekommenes Kind, bei welchem im achten Lebensjahr aus diesen Flecken Warzen wurden, welche namentlich die Achselhöhle ergriflen und zur Zeit der Pubertät beträchtlich wuchsen. Oft confluiren die Wärzehen zu beetartigen Plaques von Thaler-bis Flachliandgrösse. An Körperpartieen, welche mechanischen Insulten oder Reizungen durch Reiben der Kleidung resp. Maceration duck Feuchtigkeit und Schweiss ausgesetzt sind, bilden sich die Papillome nicht selten zu recht erheblichen Tumoren aus so schildert G e r -
doi:10.1055/s-0029-1199803 fatcat:wxbwv4vdbzdizgadi2zkbz3ygq