An Ticagrelor denken: Dyspnoe nach akutem Koronarsyndrom

Verena Praxmarer, Zaid Sabti, Richard Kobza, Florim Cuculi
2015 Swiss Medical Forum = Forum Médical Suisse  
Ein 57-jähriger Mann s tellte s ich mit thorakalem Druck vor. Im EKG zeigten sich ST-Senkungen über den anterioren Ableitungen, das Troponin war leicht erhöht. Es wurden die Diagnose eines Nicht-ST-Hebungsinfarktes (NSTEMI) gestellt und eine Koronarangiographie durchgeführt. Als Ursache für die Symptomatik zeigte sich ein seriell subtotal stenosierter Ramus interventricularis anterior (RIVA), der mit zwei medikamentös beschichteten Stents versorgt wurde. In der Echokardiographie war die
more » ... hie war die systolische Funktion des linken Ventrikels normal. Der Patient wurde zwei T age nach S pitaleintritt m it A spirin c ardio 100 mg einmal täglich und Ticagrelor 90 mg zweimal täglich nach Hause entlassen. Zehn Tage später stellte sich der Patient erneut auf der Notfallstation vor, diesmal mit rezidivierenden, belastungsunabhängigen Dyspnoe-Attacken. Die Attacken traten bis zu 15×/Tag auf und dauerten nur wenige Sekunden. Thoraxschmerzen wurden gänzlich verneint. Klinisch war der Patient kardial kompensiert, das EKG war unauffällig, und die Echokardiographie lieferte keine Erklärung für die Dyspnoe. Zur Suche nach einer Lungenembolie wurde bei schwer eingeschränkter Niereninsuffizienz e ine Lungenperfusions-Szintigraphie durchgeführt, die unauffällig war. Als Ursache für die neu aufgetretene Dyspnoe wurde das Ticagrelor vermutet und durch Clopidogrel ersetzt. Die Dyspnoe-Attacken verschwanden innerhalb von drei Tagen komplett. Fall 2 Ein 56-jähriger Mann suchte wegen neu aufgetretenen Thoraxschmerzen unsere Notfallstation auf. Die Beschwerden waren nur bei Belastung vorhanden und besserten sich in Ruhe. Das EKG war normal, und bei relativ hoher Vortest-Wahrscheinlichkeit wurde direkt eine K oronarangiographie d urchgeführt. Diese zeigte eine exulzerierte RIVA-Stenose, die mit einem bioresorbierbaren Scaffold versorgt werden konnte. Eine 50%ige proximale Stenose der rechten Koronararterie (RCA) wurde belassen und eine Intervention nur bei persistierenden Beschwerden geplant. Es wurde eine Antiplättchen-Aggregation mit Aspirin cardio 100 mg einmal täglich und Ticagrelor 90 mg zweimal täglich begonnen. Sechs Wochen später stellte sich der Patient erneut bei uns vor, diesmal aufgrund von Dyspnoe. Das EKG war unauffällig, und es wurde eine Fahrrad-Ergometrie durchgeführt, die bei sehr guter Belastbarkeit (118% des Solls) normal war. Beim Patienten wurde die Dyspnoe auf Ticagrelor zurückgeführt und das Medikament durch Clopidogrel ersetzt. Die Dyspnoe verschwand nach zwei Tagen. Abbildung 1: Mechanismus der Ticagrelor-assoziierten Dyspnoe. Ticagrelor hemmt die intrazelluläre Aufnahme von Adenosin durch Blockade des ENT1-Rezeptors. Da Adenosin nur intrazellulär abgebaut wird, kommt es zu einem Anstieg des extrazellulären Adenosins. Dies führt unter anderem zu Vasodilatation -und zu Dyspnoe. SWISS MEDICAL FORUM -FORUM MÉDICAL SUISSE 2015;15(8):186-187
doi:10.4414/fms.2015.02202 fatcat:4w5vdt2qzzdybpcdy4ulazmlr4