Zur Diagnose und Therapie der chronischen Perityphlitis

A. Albu
1905 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Wer die Literatur der letzten zehn Jahre überblickt, muß den Eindruck in sich aufnehmen, daß die Blinddarmerkrankungen nicht nur häufiger, sondern auch schwerer als in früheren Zeiten geworden sind. Zu letzterer Auffassung wird man geradezu gedrängt durch den Umstand, daß für die Blinddarmerkrankungen gegenwärtig vielfach ein operativer Eingriff als der einzig sichere Weg zu ihrer Heilung angegeben wird. Wenn die neuesten Bestrebungen einzelner Chirurgen, bei jeder Appendicitis die
more » ... is die Frühoperation innerhalb der ersten 24 Stunden durchzusetzen, allgemeine Anerkennung finden sollten, so wird damit dieser Erkrankung unwillkürlich der Stempel einer schweren Affektion aufgedrückt, welche durch interne Behandlung keine Heilung zu gewärtigen hat. Und doch kinnen sich einer solchen Auffassung gegeniiber innere Kliniker und praktische Aerzte immer wieder auf die tausendfach erwiesene Tatsache berufen, daß es eine sehr große Zahl leichter Blinddarmerkrankungen gibt, welche unter sorgfältiger ärztlicher Behandlung zur spontanen Abheilung gelangt sind. Das sind die Fälle, welche ohne erhebliche Beteiligung des Peritoneums an der Entzündung verlaufen! Wie den akuten Blinddarmerkrankungen gegenüber, von denen hier nicht weiter die Rede sein soll, so hat sich auch den chronischen Perityphlitiden gegenüber die Auffassung des Krankheitsbildes, seiner Prognose und Therapie in den letzten Jahren wesentlich geändert. Der Begriff der chronischen Blinddarmentzündung hat überhaupt erst seitdem ein klinisches Bürgerrecht gewonnen und fängt erst seit kurzem an, Allgemeingut der ärztlichen Praxis zu werden. Seitdem wird für die chronische wie für die akute Perityhlitis die Operation fast allgemein als die notwendige und einzig richtige Behandlungsmethode angesehen, weil sie die innere Medizin nicht zu heilen vermöge. Wieweit eine solche Auffassung berechtigt ist, soll in den nachfolgenden Ausführungen darzulegen versucht werden, indem ich mich dabei auf eine nicht geringe Zahl praktischer Erfahrungen aus den letzten Jahren stütze, die zu einem großen Teil durch die Autopsie in vivo oder eine mehrjährige eigene Beobachtung eine exakte Sicherheit gewonnen haben. Trotz der lawinenartigen Anschwellung der Perityphiitisliteratur kann bisher von der chronischen Blinddarmentzündung SQ wenig wie von der akuten ein abgeschlossenes Bild ihrer Pathologie entworfen werden. Schon die Aetiologie ist nur zum Teil klargestellt. So viel scheint sicher, daß die Pathogenese bei der chronischen Blinddarmentztindung ebensowenig eine einheitliche ist wie bei der akuten. Darauf möchte ich den grißten Nachdruck legen. Eine Form der Entwicklung der chronisehen Perityphiitis ist freilich gut bekannt: diejenige, die aus der akuten Appendicitis hervorgeht. Diese zählt erfahrungsgemth zu denjenigen Erkrankungen, welche durch eineNeigungzu Rezidiven ganz besonders ausgezeichnet sind -eines der hauptsächlichsten Momente, welches von den Chirurgen nicht ohne Berechtigung für die Indikation des operativen Eingriffs bei der ersten Attacke mit geltend gemacht wird. Demgegenüber ist aber zu betonen. daß praktische Aerzte genügend Fälle aufzuweisen wissen, in denen nach einem einmaligen appendicitischen Anfall niemals wieder ein zweiter aufgetreten ist. Eine Statistik darüber ließe sich von langjthrigen Familienärzten wohl erheben, fehlt aber bislang ganz. Wir sind auch bisher noch vollkommen darüber im unklaren, welche Form der akuten Blinddarmerkrankung besonders zu Rezidiven neigt; es ist logisch anzunehmen, daß nur diejenige Perityphlitis sich wiederholt, bei welcher ein Infektionsherd, z. B. ein Empyem oder eine andere anatomische Läsion des Processus vermiformis, zurückgeblieben ist, von welchem aus dann sich weitere, mehr oder minder ausgebreitete Gewebeveränderungen entwickeln können. Daß aber akute Appendicitidcn ohne Rest heilen können, das haben wir gerade durch die Autopsien derChirurgen erst mit Sicherheit erkannt, wovon weiterhin noch mehr die Rede sein soll. Zweifellos entwickelt sich aber in einer grit3eren Zahl von Fällen im Anschluß an dcn ersten Anfall nach k[frzerer oder 1ingerer Zeit ein Zustand chronischer Blinddarmentziindung. welcher in zwei verschiedenen Formen in die Erscheinung treten kann: In einer Anzahl von Fällen tritt die chronische Perityphlitis in Form akut rezidivierender AnflUle von verschiedener Schwere auf, zwischen denen auch Zeiträume von sehr verschiedener Dauer liegen können. In den Zwischcnzeiten pflegen die Patienten meist vollständig gesund zu sein oder nur an leichteren Beschwerden zu leiden, unter denen besonders eine hartnäckige Verstopfung zu erwähnen ist. In einer kleineren Zahl von Fällen klingen die Beschwerden nach der akuten Appendicitis niemals vollkommen ab, indem sie nach kurzem Zwischenraum immer wieder von neuem in sUirkerem oder geringerem Grade auftreten, sodaß die Kranken damit oft lange Zeit herumgehen und wohl ihre Berufstätigkeit ausüben, aber des Lebens nie recht froh werden. Nun gibt es aber noch eine dritte Gruppe von Fällen chronischer Perityphlitis, bei denen nachweislich niemals ein akuter Appendicitisanfall vorangegangen ist. Die Beschwerden haben sich unmerklich, schleichend, langsam sich steigernd und allmählich häufiger auftretend, entwickelt, und so bleibt das Krankheitsbild monate-und jahrelang in der Intensitt und Dauer der Beschwerden oft schwankend. \Vhrend die Symptomatologie der beiden ersten Gruppen eine einheitliche und meist so deutliche zu sein pflegt, daß die Diagnosc keine Schwierigkeiten macht, verursacht die dritte, eben gekennzeichnete Gruppe solche oft in sehr erheblichem Maße. Denn diese schleichende" Form chronischer Blinddarmentzündung, von der im weiteren nur immer die Rede sein soll, hat einen Verlauf und einen Symptomenkomplex, wie er auch bei niehreren anderen Erkrankungen der Abdominalorgane vorkommt. Das ist seit längerer Zeit bekannt. Während Ewald 1899 unter dem Namen »Appendicitis larvata" einen Symptomenkomplex beschrieben hat, in dem eine chronische Blinddarmentzündung durch allerlei dyspeptische und sonstige Verdauungsstörungen und nervös -hysterische Symptome verdeckt wird, kommt meines Erachtens das Gegenteil weit häufiger vor: daß eine chronische Perityphiitis vorgeUthscht wird durch andersartige Erkrankungen, vor allem durch chronische ChoIelithiasis in ihren verschiedenen Formen und durch die 125 22. Juni. tÎPOI1E EDIZ 1Ú1t WOCFI}ÑSCH1U1P. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1188192 fatcat:n2y6s2tjmjb6box3s5f3vmli2y