Rezensionen

1986 BIBLIOTHEK Forschung und Praxis  
Das Baltikum ist, historisch betrachtet, von jeher eine Region gewesen, in der die bodenständige kulturelle Tradition zahlreichen auf sie einwirkenden Einflüssen aus den angrenzenden und den durch die Ostsee mit ihr verbundenen Bereichen ausgesetzt war. Das gilt auch für die Geschichte der Kunst, die man früher weitgehend unter dem Gesichtspunkt deutsch-baltischer Entwicklungen zur Kenntnis nahm. Bibliographisch umfassend erschlossen wurden die einschlägigen Veröffentlichungen erstmalig durch
more » ... n erstmalig durch das von Hans Peter Kügler zusammengestellte Schrifttum zur deutsch-baltischen Kunst \ Inhaltlich gegliedert nach den Sachgruppen des Schrifttums zu r deutschen Kunst wurden dort über 1700 seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschienene Titel nachgewiesen, wobei die lettische und estnische Kunst ausgeschlossen war sowie Litauen seiner Sonderentwicklung wegen sowieso außer Betracht blieb. Das hier nicht so sehr unter kunsthistorischen Kriterien, sondern vielmehr unter methodischen Aspekten der Bibliographie zu betrachtende Verzeichnis von Böckler/Fischer schließt zeitlich und räumlich an jene Bibliographie an. Es umfaßt jedoch seiner Konzeption nach (vgl. Vorwort S. III) ausdrücklich auch die indigene Kunst sowie die Schöpfungen lettischer und estnischer Künstler im Ausland. Das Ergebnis ist bei einem Vergleich der Künstler-Register beider Werke augenfällig. Mit dieser gegenüber Kügler erweiterten Zielsetzung ist zwangsläufig noch ein anderer Unterschied verbunden: Konnte jener sich vornehmlich auf deutschsprachiges Material stützen, so müssen jetzt auch zahlreiche wichtige Veröffentlichungen in estnischer, lettischer und russischer Sprache erfaßt werden. Knapp 50% der rund 1250 Titel bei Böckler/Fischer (hier finden sich, ebenso wie bei Kügler, bei der Zählung der Titel zahlreiche Einschübe) gehören zu dieser Gruppe. Wie in vielen anderen Disziplinen nach dem Zweiten Weltkrieg ist es daher auch für die Behandlung kunstgeschichtlicher Fragen der hier angesprochenen Region in sehr viel höherem Maße erforderlich, über einschlägige Sprachkenntnisse zu verfügen. Hier muß eine Bibliographie Hilfestellung bieten, und Böckler/Fischerfügen konsequenterweise in derartigen Fällen deutsche Übersetzungen der Sachtitel bei. Die Aufführung fremdsprachiger Monographien ausschließlich unter einer bibliographisch nicht existierenden deutschen Übersetzung (vgl. z. B. Nr. 169, 217, 441, 588, 1124 u. a.) ist wegen der auf bibliographische Recherchen in der Regel folgenden Ermittlungen eines benutzbaren Exemplars jedoch nicht akzeptabel. Da der Originaltitel fehlt, bleibt die Suche in Bestandsverzeichnissen erfolglos; sie löst dann oft wiederum aufwendige bibliographische Nachforschungen aus. Derartige Gesichtspunkte der praktischen Verwendbarkeit von Schrifttumsverzeichnissen von vornherein bei ihrer Anlage zu berücksichtigen, sollte ein nobile officium jedes Bibliographen sein. Beim Erarbeiten einer solchen Fachbibliographie ist aber über diesen Fragenkomplex hinaus auch noch das Problem der Ermittlung des zu verzeichnenden Materials zu lösen, dessen Zugänglichkeit -insbesondere soweit es um Publikationen geht, die in der hier behandelten Region selbst erschienen sind -nicht durchweg gegeben ist. Aus diesem Grunde haben Böckler/Fischer einer Reihe von Titeln Bestandsnachweise in Bibliotheken hinzugefügt. Die Kürzel-Liste (S. VI) weist 20 Institutionen in der Bundesrepublik Deutschland, der Deutschen Demokratischen Republik und Schweden nach. Diese Hinweise sind jedoch -worauf das Vorwort ausdrücklich aufmerksam macht -bei weitem nicht vollständig. Ein sehr großer Teil der in dieser Bibliographie aufgeführten Schriften ist vielmehr auf Grund von Sekundärinformationen verzeichnet, wobei vielfach auf die benutzte Quelle hingewiesen wird. An diesem Punkt setzen nun methodisch begründbare Bedenken ein: Wie weit kann auf diese Weise das erschienene Schrifttum im sachlich notwendigen Umfang nachgewiesen werden, wenn die Basis, auf die man sich hierbei stützt, selbst nur ein Auswahlverzeichnis -und dazu noch nicht einmal mit dem Schwerpunkt Kunstgeschichte -ist? In diesem Fall handelt es sich um die laufend in der Zeitschrift für Ostforschung publizierte Baltische Bibliographie, die Böckler/Fischer ausgeschöpft haben. Partiell wären zumindest noch die Primärbibliographien der baltischen Sowjetrepubliken 2 , die im Unterschied zu vielen anderen Nationalbibliographien auch unselbständig erschienene Literatur nachweisen 3 , heranzuziehen gewesen.
doi:10.1515/bfup.1986.10.3.316 fatcat:mln4nrw3yjeq5l4g5jxokvip4m