Zur Wissenschaftstheorie und -systematik

Richard Hönigswald
1912 Kant-Studien  
Gegenstandes durch Heinrich Rickert nach Bedeutung und Wirksamkeit ohne Zweifel im Vordergründe steht. Sie hat die durch Windelbands Betrachtungen über "Geschichte und Naturwissenschaft" neuerdings in .Fluss geratene Erörterung des Problems in einem Umfange aufgenommen und bestimmt, dass man sie füglich als den gegebenen Ausganspunkt jeder kritischen Stellungnahme zur Frage des Systems der Wissenschaften betrachten darf. Für Rickert selbst steht dieses Problem als solches freilich keineswegs im
more » ... ilich keineswegs im Vordergrunde des Interesses. In deinem Buche "Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft", dessen zweite Auflage den äusseren Anlass dieser Abhandlung bildet, lehnt er es ausdrücklich ab "ein vollständiges System der Wissenschaften zu entwickeln" und verweist mit Recht darauf, dass demgemäss "alle Einwände gegenstandslos" seien,* "die darauf hinauskommen, dass diese oder jene Disziplin" in seinem "System keinen Platz fände". 1 ) Aber so begründet eine solche Ablehnung unter dem Gesichtspunkt der nächsten methodischen Absichten des Verfassers auch sein möchte -das Ganze seiner Position weist doch ohne Zweifel in die Richtung der Frage nach dem Begriff eines allgemeinen Systems der Wissenschaften. Jener Einwand mag in seiner speziellen Formulierung immerhin abzuweisen sein, die Frage nach den allgemeinen Bedingungen eines solchen Systems ist implicite und mit aller prinzipiellen Schärfe gestellt, sobald man nur mit Rickert an dem Gegensatz der historischen und der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung den Begriff der Wissenschaft entwickelt. Man bleibt daher auch durchaus innerhalb des Rickertschen Problemkreises, wenn man konstatiert, dass es vor allen Dingen zwei Gesichtspunkte sind, welche eine Erörterung des Begriffs der Wissenschaft und des Systems ihrer Methoden beherrschen. Einmal ist der eigentlichen Tendenz seiner Untersuchung nach die Entscheidung der Frage, welches die möglichen, beziehungsweise die in einem gegebenen Fall vorliegenden, Arten des wissenschaftlichen Betriebes sind, letzten Endes eine Entscheidung über formale Bestimmungen. Dann aber ist die Zahl der möglichen Entscheidungen durch die Erwägung begrenzt, dass es im Grunde genommen. nur zwei und zwar einander in gewisser Hinsicht diametral entgegengesetzte Gesichtspunkte geben könne, unter welchen das "Material" aller Wissenschaft verarbeitet wird: den natur-K. u. N. S. 18. Arnn.
doi:10.1515/kant.1912.17.1-3.28 fatcat:h7cvx36h3rch5n3sz43yyzthz4