Die ITU, Swisscom und die Entwicklungszusammenarbeit: Neoliberalismus versus Solidarität

Michel Egger, Jean-Louis Fullsack
2003 Schweizerisches Jahrbuch für Entwicklungspolitik  
I nfrastruktureinrichtungen sind, ohne der einzige Schlüsselfaktor zu sein, eine wesentliche Dimension der Informationsgesellschaft. Hieraus ergibt sich zum einen die bedeutende Rolle der Telekommunikationsbetreiber als Zugangsanbieter, zum anderen die Notwendigkeit von Programmen technischer Zusammenarbeit für die Länder des Südens, denen es oft an Mitteln und Know-how fehlt. Die Schweiz mit ihrem historischen Betreiber -den Post-, Telefon und Telegrafenbetrieben, PTT -hatte bereits in den
more » ... bereits in den sechziger Jahren ein bedeutendes Programm der Zusammenarbeit mit den afrikanischen Ländern entwickelt, das von einer echten Philosophie der Solidarität geprägt war. Seitdem ist der Telekommunikationsmarkt liberalisiert worden, die PTT wurden zu Swisscom AG. Eine andere Logik setzte sich durch, welche Swisscom's Aktivitäten im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit praktisch zum Erliegen brachte. Der Artikel analysiert die Umstände dieser Entwicklung, parallel zu der ihres wichtigsten multilateralen Partners, der Internationalen Fernmeldeunion (ITU). Dabei wird zwischen vier Hauptperioden unterschieden : J Die Pionierzeit (1961)(1962)(1963)(1964)(1965)(1966)(1967)(1968)(1969)(1970). Die Tätigkeiten der technischen Zusammenarbeit der PTT -damals gleichzeitig Betreiber und Regulierungsbehördenehmen mit dem Entkolonialisierungsprozess in Afrika ihren Aufschwung. J Das goldene Zeitalter . In dieser Zeit nimmt die technische Zusammenarbeit der ITU Form an, unter dem Druck der "Entwicklungsländer", welche einen grossen Bedarf im Telekommunikationsbereich (Netze, Infrastruktureinrichtungen, Ausrüstungen und Expertisen) haben, wie der Maitland-Bericht (1984) vermerkt. Diese Periode ist durch eine gewisse Grosszügigkeit der Staaten, wie auch der multilateralen Organisationen geprägt. Die schweizerischen PTT-Betriebe engagieren sich intensiv und in wirtschaftlich relativ uneigennütziger Weise vor allem in der Ausbildung von lokalem Personal. Eine negative Entwicklung ist dabei jedoch zu erwähnen, für welche die ITU eine Verantwortung trägt : das Übergewicht der Investitionen und der Trend zu überdimensionierten Projekten auf Kosten der langfristigen Lebensfähigkeit der Netze.
doi:10.4000/sjep.541 fatcat:xbpfajr2qvfgldlvdu7vwfl6oe