Besprechungsforum. Die wirtschaftlichen Aussagen

1976 Zeitschrift für Soziologie  
f) Im Rollenkonflikt der Mutter zwischen Familie und Berufstätigkeit sollte sich die Familienpolitik kompro mißlos zum Anwalt der Familie und damit der Kinder machen; für die Gegenposition gibt es Anwälte genug. Erst wenn beide im Konflikt stehenden Tendenzen alle ihre Argumente öffentlich ins Feld führen, kann die einzelne Familie eine echte Entscheidung fällen. Dabei sollten nicht nur die Vorteile, sondern auch die vielen Nachteile der ganztägigen mütterlichen außer häuslichen Berufstätigkeit
more » ... hen Berufstätigkeit zum Bewußtsein gebracht werden. g) Es ist sicherzustellen, daß die individuelle Bindung zwischen Eltern (Dauerbezugspersonen) und Kind er möglicht und daß entstandene Bindungen vor Abbrü chen geschützt werden. Wenn in wirtschaftlicher Not befindliche Eltern (oder ein Elternteil) ihr Kind selbst versorgen wollen, ist ihnen die notwendige materielle Hilfe und zusätzlich Beratung zu gewähren. Können Eltern aus anderen Gründen die Betreuung ihres Kin des nicht übernehmen, so ist Sorge zu tragen, daß das Kind innerhalb kürzester Frist (2 Monate) neue Eltern erhält: Adoptiveltern, Voll-Pflegeeltern oder Kinder dorfeltern. h) Die gewachsene Bindung auch zwischen nicht bluts verwandten Eltern und Kind ist ein schützenswertes (Rechts-)Gut. Sie ist eine der wesentlichen Grundlagen für die seelische Gesundheit des Kindes, ein Teil des Kindeswohls, und bedarf des gleichen Schutzes wie die körperliche Gesundheit. Ein Kind muß daher nicht nur bei seinen leiblichen Eltern und Adoptiveltern, son dern auch in einer guten Vollpflegestelle, in der es ver wurzelt ist, davor bewahrt werden, daß das Pile ge Ver hältnis abgebrochen wird -sei es durch das Heraus gabeverlangen leiblicher Eltern, die durch mangelnden Kontakt für das Kind fremde Menschen sind, sei es durch eine zu spät erfolgende Adoptionsvermittlung in eine fremde Familie hinein. In allen derartigen Fäl len sollte der gewachsenen Bindung der Vorrang vor anderen Gesichtspunkten gegeben werden. Aus der in diesem Abschnitt vertretenen Position er geben sich noch zahlreiche weitere Empfehlungen, de ren Wiedergabe jedoch den Rahmen dieses Referats sprengen würde. 6. Schlußgedanken Es ist anzuerkennen, daß ein so ausführlicher Dialog über die Familie zwischen Politik und wissenschaftlicher Politikberatung stattfindet. Es war kaum zu erwarten, daß alle Probleme auf Anhieb gelöst werden würden. Viele Wünsche können an die zukünftige Entwicklung gestellt werden. Zu ihnen gehört im Bereich der Fami lienpolitik die Hoffnung auf die Beteiligung solcher Richtungen der Wissenschaften und der Praxis, die wei tere wichtige Einsichten beisteuern können. Hinsichtlich der psychischen und der gesundheitlichen Entwicklung der Kinder gehören dazu unbedingt die Entwicklungs psychologie und die in schneller Entwicklung begriffene Sozialpädiatrie. Neben den wirtschaftlichen Bezügen der Familienpolitik enthält der Kommissionsbericht auch einige allgemeine wirtschaftspolitische Aussagen, die als politisches Bekennt nis der Kommissionsmitgüeder anzusehen sind. Dazu ge hören der "Appell" an die Tarifpartner (S. 139), feste Steigerungsbeträge (der Bericht spricht von absoluten Steigerungsraten!) zur Einkommensnivellierung bei den Lohnverhandlungen zu vereinbaren, die Empfehlung einer Verschärfung der Einkommensteuerprogression (Spitzensteuersatz 60 v. H.) und die mit dem Ausdruck des Bedauerns getroffene Feststellung (S. 141), daß der Boden noch nicht vergesellschaftet sei. Die Bodenfrage wird als so wichtig angesehen, daß das grundlegende Pro blem sogar zum grundlegendsten (!) Problem gesteigert wird. Der Hinweis ist zwar sicher richtig, daß von einer sozia len Ungleichheit auch Kinder in ihrer Entwicklung betrof fen sind (S. 139); nur kommt es im Rahmen der Fami lienpolitik in erster Linie auf eine horizontale und nicht auf eine vertikale Einkommensumverteilung an, so daß hier eine Kompetenzüberschreitung der Kommission vor liegt. Die Aussagen waren zudem der Bundesregierung unangenehm, weil sie ein Bild von ihrer Politik zeichne ten, das dem entspricht, was die Opposition ihr vorwirft. Die Regierung hat deshalb in ihrer Stellungnahme klarge stellt (S. X), daß sie "mehr Startgerechtigkeit für Kinder nicht im Wege einer Änderung des an der Leistung orien tierten Lohnsystems, sondern im Sinne des Sozialstaats prinzips durch sekundäre Einkommensverteilung" an strebe. Auch aus anderen Äußerungen -zur Bodenpoli tik fehlt eine Reaktion -gewinnt man den Eindruck, daß es der Regierung nicht ungelegen war, sich etwas weniger "progressiv" als die Kommission zu gerieren. Bei den familienpolitischen Empfehlungen fällt die de zidierte Befürwortung eines Erziehungsgeldes auf (S. 93 und S. 13 7 f.),d ie wiederum der Regierung unangenehm sein mußte, weil es sich um einen Vorschlag der Oppo sition handelte, während die Regierung auf die Betreu ung der Kinder während der ersten drei Lebensjahre durch Tagesmütter gesetzt hatte. Die Ablehnung des Kommis sionsvorschlages hat sich die Regierung mit dem Hinweis auf fehlende Finanzierungsmittel (S. X) und gesicherte Erkenntnisse (S. XVII) zu leicht gemacht. Es ist jeden falls wenig überzeugend, wenn gleichzeitig das Tagesmüt
doi:10.1515/zfsoz-1976-0308 fatcat:6ra4ux7jnjfvxonc7wktvct66y