Denkschriften Theodor v. Bernhardi's

1893 Historische Zeitschrift  
Denkschriften Theodor v. Bernhardts. I. Rußland im März und April 1854'). Soeben von einer Reise nach der russischen Hauptstadt zurückgekehrt, beeile ich mich, Ihnen einige Mittheilungen zu machen, die Ihnen wohl nicht unwillkommen sein werden, da Sie ungefähr wissen, an welchen Quellen mir vergönnt sein mochte zu schöpfen, und daher leicht die Zuverlässigkeit des hier Angedeuteten ermessen können. Die Lage der Dinge in Rußland ist wohl eine sehr eigen thümliche zu nennen. Daß Rußland im
more » ... ß Rußland im allgemeinen den Plan verfolgt, sich auf den Trümmern des osmanischen Reichs am Bosporus festzusetzen: daran ist nicht zu zweifeln. Daß Rußland *) Den nachstehenden, bisher unveröffentlichten Aufsatz schrieb Theodor v. Bernhardi im April 1854 nieder, nachdem er von einer im März aus geführten Reise nach Warschau nach seinem Landsitz Kunnersdorf in Schlesien zurückgekehrt war. Er legte in demselben die Anschauungen nieder, die er in der polnischen Hauptstadt im Verkehr mit zahlreichen, den leitenden Kreisen angehörenden Persönlichkeiten gewonnen hatte. Für die Öffentlichkeit waren diese Blätter zunächst nicht bestimmt; durch Vermittlung des Landtagsabgeordneten Robe gelangten sie jedoch an den Baron v. Vincke-Olbendorfum durch diesen, der ein persönlicher Freund des Prinzen von Preußen war seit der Zeit, wo er ihm bei der Flucht nach England behülslich gewesen war, diesem letzteren vorgelegt zu werden -, was auch durch weitere Ver mittlung Harkort's geschah. Der Aussatz dürfte augenblicklich von um so erheblicherem Interesse sein, weil sich die in demselben enthaltenen Borhersagungen zu einem Theil erst Jahrzehnte später in einer Zeit verwirklicht haben, die uns noch keineswegs fern liegt. Brought to you by | Purdue University Libraries Authenticated Download Date | 10/28/18 6:44 AM und England seit Jahrzehnten in Konstantinopel einen diplo matischen Krieg führen, einander den überwiegenden Einfluß dort streitig machen und sich gegenseitig zu verdrängen suchen: das ist bekannt genug; folgt doch ganz Europa seit Jahren mit Spannung dem Gang der seltsamen Partie, die dort gespielt wird, und jedem einzelnen Zug. Auf einen Krieg mit der Pforte war es aber, so schwierig sich auch die Verhältnisse in mancher Beziehung gestaltet hatten, von Seite Rußlands doch keinesweges abgesehen -im ver gangenen Jahre, zur Zeit der Sendung des Fürsten Menschikow, so wenig als früher; denn überhaupt lag es nicht in den Plänen der russischen Regierung, mit den Waffen zu erkämpfen, was man am Bosporus will. M an hoffte vielmehr hier das S p iel wiederholen zu können, das man seiner Zeit mit so vielem Erfolg in Polen gespielt hatte. E s galt, jeden anderen Einfluß zu verdrängen in Konstantinopel, als der alleinige Freund, treue Rathgeber und Schützer oder Schutzherr der Hohen Pforte alle Maßregeln der türkischen Regierung zu leiten, ja es dahin zu bringen, daß man sie im wesentlichen diktire, und in dieser Stellung, wenn man sie erst gewonnen hätte, vor allen Dingen jede Reform zu hintertreiben, welche dem türkischen Reich neue Lebenskräfte erwecken könnte. Auch in Polen hatte ja die hohe Beschützerin, die Kaiserin Katherina II., keinerlei Reformen zu gelassen, welche die wohlerworbenen, die heiligen Rechte des polnischen Adels beeinträchtigen oder auch nur gefährden konnten. Katherina II. erhob jedesmal, als Schützerin der Freiheiten der polnischen (wie bekannt lediglich aus dem Adel bestehenden) Na tion, die Stim m e gegen jede Neuerung. Gelang es, den englischen und französischen Einfluß in Konstantinopel zu beseitigen, so sahen wir unfehlbar Rußland auch dort gelegentlich als den Schützer der alten geheiligten, allein legitimen S itte und Verfassung gegen jede durchgreifende Neuerung auftreten -ohne Zweifel zur besonderen Freude und Erbauung der Kurzsichtigsten unter den Alttürken. Ist doch das im Kabinet des Grafen Nesselrode redigirte Journal de St. Petersbourg naiv genug gewesen, dem etwas verwunderten Brought to you by | Purdue University Libraries Authenticated Download Date | 10/28/18 6:44 AM Brought to you by | Purdue University Libraries Authenticated Download Date | 10/28/18 6:44 AM brachte, wesentlich diese unerwünschte Wendung der Verhältnisse herbeigeführt hat. S ie kam, wie dem Kaiser so auch den vornehmsten russischen Staatsm ännern, sehr ungelegen. Namentlich dem Kanzler Nesselrode und vor Allen dem sehr friedliebenden Feldmarschall Paskiewitsch. Dagegen aber erwachte bald in der weit über wiegenden Mehrzahl der Bevölkerung des weiten Reichs eine solche Begeisterung für diesen heiligen Krieg, der ganz als Religionskrieg, als Kreuzzug zu gunsten der unterdrückten recht gläubigen Brüder aufgefaßt wird, daß die Dinge dem Kaiser förmlich und vollständig über den Kopf gewachsen sind. Er ist nicht mehr Herr der Ereignisse; er ist nicht mehr der Treibende, sondern der Getriebene. D ie Exaltation hat einen Grad erreicht, von dem man. sich in dem westlichen Europa, wo man über den sehr unheiligew Gegenstand des Zwistes nicht getäuscht werden kann, wohl schwerlich eine richtige Vorstellung macht. Die an sich schon" und namentlich im Vergleich mit den vorhandenen, im ganzen sehr mäßigen Reichthümern des Landes, sehr bedeutenden Gaben, die in allen Provinzen des Reichs freiwillig dargebracht werden, geben dafür ein gewichtiges Zeugnis. Erkennt man nun auch leicht in der Gesammtzahl ein und andere, mitunter recht bedeu tende Gabe, zu welcher die Geber wohl schwerlich durch ein enthusiastisches Gefühl bestimmt sind, vielmehr höchst wahrscheinlich durch eine kluge Berechnung, durch die Absicht, sich gut mit der Regierung zu stellen, so verschwinden doch solche einzelne Fälle in der Masse. E s ist den Leuten wirklich Ernst um die Sache, und in manchen einzelnen Zügen tritt die herrschende Stim m ung in wahrhaft ergreifender Weise hervor. M an weiß von Bauern, von einfachen Leuten, die dem Kaiser ihre ganze, mühsam er worbene Habe darbringen, dabei aber auf den Knieen und in Thränen bitten, auf keinen Fall und unter keiner Bedingung Frieden zu schließen. Diese Geschichten sind wahr! Ein anderer Umstand ist vielleicht noch mehr der Beachtung werth. M an kann nicht sagen, daß bisher, seit Nikolaus I. den Thron bestiegen hat, eine allgemeine und ungetrübte Zufrieden-Historilche Zeitlchrist N. F. Bd. XXXV. 27 Brought to you by | Purdue University Libraries Authenticated Download Date | 10/28/18 6:44 AM
doi:10.1515/hzhz.1893.71.jg.414 fatcat:nhefffmz6vgsbnuwp5wdzbjbg4