Ueber das Brisement des Buckels nach Calot

Adolf Lorenz
1897 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Wien. Von Hippokrates bis auf den heutigen Tag hat der Gibbu die Sorgfalt und Ingeniosität der Aerzte in Atliem gehalten. Mit bald grösserem, bald geringerem Rüstungsaufgebot fühite man gegen den difficilen Gegner einen tausendjährigen zaghaften Krieg, im ganzen mit wenig wechselnden Mitteln. Correctur durch Extension, Contraextension, eventuell combinirt mit Druck gegen die Spitze des Gibbus und Fixation der gewonnenen Verbesserung durch irgend welche mechanischen Mittel bilden den
more » ... bilden den Grundgedanken j edweder bisherigen Behandlungsmethode. In dieser Beziehung hat uns Calot, welcher ganz mit denselben Mitteln arbeitet, in seiner Aufsehen erregcnden Mittheilung (Archives provinciales de Chirurgie 1897, No. 2) durchaus nichts Neues gebracht. Ja, man könnte sagen, er habe ein berühmtes Muster getreu copirt, wenn niaii die bekannte Zeichnung nach Hippokrates betrachtet, welche darstellt, wie ein Patient gegen die Querbalken eines }-Iolzrahrnens mit Händen und Füsseii extendirt wird, während der Arzt in phrygischer Mütze den durch Luxation eines Lendenwirbels entstandenen Gibbus mit einem mächtigen Querhebel in die Tiefe drückt. I)as Calot'sche Brisement durch Extension, Contraexterision mid Druck gegen den Gibbus geschieht allerdings nianuell, wird aber in der Folge nothwendig ein instrumentehles werden müssen. Der nöthige Redresseur wird dann ein vollständiges Analogen des hippokratischen Rahmens darstellen. Ledighichi aus der Art und Weise der Anwendung der ahten Mittel ist das Aufsehen zu erklären, welches die Publikation Calot's in der Aerzte-und Laienwelt erweckt hat. Schon heute ist Derek stir nier das Waillfahrtsziel der Buckligen geworden, und es wäre nur zu wünschen, (lass diese Aliziehuuigskraft niemals abnehmen möge. Unser bisheriger Kampf gegen den Gibbus beschränkte sieh auf eine hinhaltende Defensive ; mit der brisanten Behandlung desselben ist Calot zur vehementesten Offensive übergegangen. Mag el. aus diesem Kampfe siegreich hervorgehen und eine neue Epoche inauguriren oder auf dem Kampfplatze selbst die Vernichtung finden, das Zeugniss wird ihm niemand versagen können, dass er ein bi8 zur \Terwegenheit kühner Angreifer war. Ich selbst war im ersten Augenblick durch die Calot'sithen Mittheihungen geradezu verblüfft. Der letzte Grund dieser Verblüffung ist schliesslich der, dass die brüske Attacke uf den Clibbus alle durch Alter und Autorität geheiligten Traditionen die man sozusagen mit der Muttermilch eingesogen hat, nicht nur gründlich verletzt, sondern geradezu über den Haufen wirft. Indess lint schon manche heilige Tradition fallen uuuüssen, iiuud ein allzu zähes Festhalten an dem Ueberkoininenen war immer ein ijemmschuhi fur den Fortschritt. Aber das Neue muss den Kampf gegen die Tradition aufnehmen und sich siegreich behaupten. Wirklicher Fortschritt hat mit den Traditionen noch stets aufgeräum t. Uns wurde gelehrt, und wir haben es später weitergegeben, dass dei Gibbus bis zu einem gewissen Minasse als "noli me tangere" zu betrachten sei. Die Wirbelsäule war namentlich während deF schmerzhaften Phaseii im Ablauf des Processes zu immobilisiren, der kranke Wirbel durch Stützcorsets, Horizontallagerung, eventuell unterstützt durch Extension. nach Möglichkeit zu entlasten ; aber der Gedanke an ein forcirtes Brechen der Wirbelsäule musste als direkte Gotteslästerung gelten, deiin wer durfte das unmittelbar benachbarte iulekenniark den unberechenbaren Fährliehukeiten eines Brisements aussetzen! Ja noch mehr! Die Gibbusbildung wurde bis zu einem gewissen Maasse als eine unerlässliche Vorbedingung der Heilung betrachtet, da eine solche nur dann zustande kommen konnte, wenn die den Krarukheitsheerd einschliessenden Wirbel nach Zerstörung und Ausschaltung dieses letzteren zur direkten Berhhlirurig uiid knöchernen Verschmelzung kämen. Nun hiesse es mit allen diesen Anschauungen brechen ! Der Gedanke scheint für den Augenblick unfassbar. Eine nähere lieberlegung vermag indess unsere eingefleischten Bedenken einigermaassen zu zerstreuen. Unter allen Redressements, welche die täglichen Aufgaben der Orthopädie bilden, ist das Redressement des Gibbus wohl das einfachste, es ist die Streckung eiiies Winkels ohne wesentlichen Widerstand, vorausgesetzt, dass es sieh nicht um eine knöcherne Ankylose der Wirbelsäule handelt. Die meisten Aufgaben der orthiopädischen Chirurgie sind ungleich complicirter und schwieriger. Dass maui einen nicht knöchern ankylosirten Gibbus sehr leicht redressiren könne, darüber war gewiss niemand jemals im Zweifel, aber alle Welt war fest davon überzeugt, dass dies nicht erlaubt sei. Weirn uns ein Bann in diesem Glauben gefauigen hielt, dann worden wir Herrn Calot jedenfalls sehr dankbar dafür sein dürfen. denselben gebrochen zu haben. Offenbar war es die Scheu vor einer Läsion des Rückenmarkes, welche jeden Gedanken an ein brüskes Redressement im Keim ersticken musste. Es erforderte die ganze Kühnheit und Verwegenheit der Jugend, sich ohne vorgängige Leichenexperimente über dieses Bedenken einfach hinwegzusetzen. Calot war der richtige Mann hierzu. Gereizt durch das ewige Einerlei einer ieiii passiven Gibhusbchandlung in einem grossen Seehospize musste der angesammelte Thatentrieb dieses energischen Mannes sieh schliesslich explosiv äussern, und so kam er wohl auf den Gedanken, den niemand bisher zu denken wagte. Ueberlegen wir zunächst, ob das Rückenmark beim Redressement des Gibbus wesentlichen Gefahren ausgesetzt ist oder nicht. Die nächstliegende Vorstellung ist die, dass die Kniekung, welche das Rückenmark im Gibbus erleidet, durch das Redressement sofort aufgehoben wird, indem die Kante, auf welcher dasselbe lagert, verschwindet, Das wäre im Grunde nur als ein gtinstiger Einfius Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1205137 fatcat:gc2gx2iwarhqhjcirgeb3vbjka