Ueber die Bekämpfung der Tuberkulose von den oberen Luftwegen aus mittels des "Prophylacticum Mallebrein"1)

1912 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Eindringen der Tuberkulose und ihre rationelle Bekämpfung", in der Beckmann den Standpunkt einnahm, daß die Bekämpfung der Tuberkulose ihre Hauptaufgabe in der Verschließung der Eingangspforten für Tuberkelbazillen, Eitererreger etc. suchen müsse, unternahm Geh. Regierungsrat Dr. F. Mallebrein Versuche, ein Mittel zu finden, um von den Schleimhäuten der oberen Luftwege aus einen solchen Abschluß der Eintrittspforten herbeizuführen.2) Er fand dies Mittel in dem clilorsauren Aluminium. Wird das
more » ... iorsaure Aluminium /C103 . \Ct03 ill wäßriger Lösung mit den Schleimhäuten des Rachens etc. iii BerOlilung gebracht, so spielt sich kurz folgender Vorgang ab : Das Alurniilium verbindet sich mit den ihm erreichbaren Eiweißkörpern der Schleimhautoberflitche zu Aluminiumalbuminat, dies schlägt sich auf der Schleimhaut nieder und lagert neue, feste Eiweißteile in sie ab, wodurch der durch eine etwaige Entzündung bewirkten Lockerung entgegengewirkt wird. Eine bestimmte Menge Chiorsäure, die dem gefällten Aluminium entspricht, wird frei und zerfällt sofort iii Chlor und Sauerstoff, die beide, da sie in statu nacendi sind, eine sehr kräftige Desinfektioiiswirkung auf die Bakterien und deren Stoffwechselprodukte ausüben. Die gebildete Albuminatschicht ist sehr dünn, es wird deshalb auch nur wenig Ohlorsäure frei, und Schädigungen der Schleimhaut werden nicht veruracht. Ferner tritt das Chlor nicht rein, sondern mit der dreifachen Menge Sauerstoff vermischt, aus dem Molekül aus. Hierdurch wird einer einseitigen Chiorwirkung vorgebeugt, und aus der bei allen Anwendungsarten beobachteten energischen und dccli sehr milden Wirkung darf man schließen, daß das Zusammengehen von Sauerstoff und Chlor auf die Gesamtwirkung von sehr günstigem Einfluß ist. Weiterhin wird nach den Versuchen von M. Fluri durch die Aluminiumsalze bei den Zeilen eine solche Veränderung bewirkt, daß Lösungen von Salzen ungehindert in den Zellkörper eindringen können. Es würde also ein Teil des unzersetzt gebliebenen Salzes in die Zellen und in das Gewebe eindringen und diese gewissermaßen imprägnieren. Im Innern des Gewebes würden weitere Albuminatlällungen entstehen, hierdurch würde die oberflächliche Albuminatschicht verstärkt, die freiwerdenden Chlor-und Sauerstoffatome würden bereits eingedrungene Keime vernichten und die verstärkte Albuminatschicht das Neueindringeii von Keimen erschweren oder ganz verhindern. Zu dieser Tiefenwirkung käme hinzu, daß auf der chemisch veränderten Schleimhaut eine Weiterentwicklung der Bakterien ausgeschlossen, zum mindesten aber sehr erschwert ist; daraus würde sich wieder eine Schutzwirkung ergeben, die nach den gemachten Feststellungen bei geiunden Schleimhäuten etwa zwölf Stunden anhält. Auf der obigen Grundlage läßt sich auch die Beeinflussung tuberkulöser Prozesse auf der Lunge von den Schleimhäuten der oberen Luftwege aus erklären. Man muß nach den gemachten Erfahrungen annehmen, daß bei Inhalationen etc. mit chlorsauremn Aluminium ein Teil dieses gelösten Salzes infolge Resorption in die Säftemasse aufgenommen wird und hier Giftzerstörungen bewirkt. Hieran wird nian umso weniger zweifeln können, als die resorptive Wirkung unter deiu Einfluß des Aluminiuths auf das Protoplasma gesteigert ist. Auch stehen von dem Aluminiumchloratmolekül 9/ seines Gewichtes in Form naszierender 1) Mitteilung auf dem VII. Internationalen Tuberkulose-Kongreß u Rom im April 1912. 2) Mallebrein und Wasmer, Zeitschrift für Tuberkulose, Bd. 18, S. 225 fi. DEUTSCHE MEDIZiNISCHE WOCHENSCHRIFT. 1979 Chlor-und Sauerstoffatome zur Verfügung. Schädliche Wirkungen des ehlorsauren Aluminiums wurden nach keiner Rihtung hin beobachtet. Das Prophylacticum Malle brein -unter diesem Namen befindet sich das Mittel im Handel -ist in den letzten drei Jahren von einer großen Anzahl Aerzte in Baden, besonders in Kalrsruhe, Freiburg und Bruchsal, angewendet worden. Bei der Anwendung ergab sich bald, daß man es in der Tat mit einem Mittel von hervorragenden Eigenschaften zu tun hat. Es wirkt nicht nur besonders günstig bei Affe ktionen der Luftwege -hier zeigt sich die rasche und energische Wirkung besonders bei Anginen, bei denen auch in schweren Fällen bereits nach den ersten Anwendungen überraschend schnell Linderung und Abklingen der Krankheitssymptome eintrat , sondern auch bei vielen anderen Erkrankungen infektiöser Natur, z. B. bei Affektionen des weiblichen Genitalapparates. Ich will nur kurz einen Fall anführen, den Herr Stadtarzt Dr. Buchmüller (Bruchsal) mir neben mehreren anderen zur Verfügung stellte. Er bekam eine Frau mit schwerer Vaginitis mit starkem eitrigen Fluor albus in Behandlung, die vorher bereits lange Zeit mit Ausspülungen und Tampons der verschiedensten Art ohne Erfolg behandelt worden war. Es wurde nun drei Wochen lang täglich, dann zwei Wochen lang jeden zweiten Tag abends ein mit Prophylacticum -anfangs stark verdünnt --getränkter Tampon eingelegt, der über Nacht liegen blieb. Am Morgen wurde eine Ausspülung gemacht. Der Fluor verschwand unter dieser Behandlung vollständig ohne jeden Rückfall.') Ich möchte nun noch kurz auf die uns am meisten interessierende Wirkung des Prophylacticums Mallebrein auf tuberkulöse Prozesse in der Lunge eingehen. Vorausschicken möchte ich die Art der Anwendung. Es wird dreimal täglich mit einer Lösung von 25-30 Tropfen des Mittels auf drei Eßlöffel Wasser tüchtig gegurgelt, immer nach dem Essen, dazwischen wird zwei-bis dreimal täglich mit einer etwa halb so starken Lösung inhaliert. Das Inhalieren darf jedoch nicht, wie häufig, so ausgeführt werden, daß der Patient die Dämpfe möglichst tief einatmet -dies könnte besonders empfindliche Personen reizen sondern man atmet die Dämpfe ruhig mit der gewöhnlichen Atmungstiefe ein. Sehr wichtig ist die richtige Anwendung, sowohl beim Gurgeln als beim Inhalieren. Bei oberflächlicher und unpünktlicher Anwendung wird man einen Erfolg nicht erzielen. Zu der richtigen Anwendung gehört auch die richtige Auswahl der Patienten. Wer absolut nicht gurgeln kann, oder wem das Inhahieren, auch stark verdünnter Lösungen, Beschwerden verursacht, eignet sich nicht zur Behandlung mit dem Prophylacticum. Wo Blutungen vorausgingen oder zu befürchten sind, wird man vorsichtsbalber auf das Gurgeln sich beschränken. ist der Organismus erschöpft und bestehen Komplikationen, die mit dem Mittel nicht erreichbar sind, so wird man natürlich keine Wirkung erreichen. Wer blindlings vorgeht, wird von dem Mittel nur eine falsche Ansicht bekommen Bei richtiger Behandlung beobachtet man aber gewöhnlich Folgendes: Besteht Fieber, o geht dieses, wenn es nicht von Komplikationen herrührt, meist rasch zurück. Die entfiebernde Wirkung fällt nanienthich dann auf, wenn das Fieber vorher schon längere Zeit vergeblich bekämpft worden war. Der Erfolg hält, wenn die Anwendung sorgfältig fortgesetzt wird, auch an. Husten und Auswurf vermindern sich und verschwinden in den meisten Fällen nach einigen Wochen ganz. Das subjektive Befinden der Patienten hebt sich rasch, besonders auffällig ist die Erhöhung des Appetits. Durch das Verschwinden von Husten und Nachtschweißen bessert sich auch der Schlaf. Neben dieser subjektiven Besserung läßt sich aber auch in sehr vielen Fällen eine objektive Besserung des Lungenbefundes feststellen, indem die katarrhahischen Erscheinungen stark zurückgehen bzw. ganz verschwinden. Bei mehreren Patienten wurde durch die Anwendung des Mittels eine solche Besserung erzielt, daß die Heilstättenkur, welche von der Versicherungsanstalt wegen zu schwerer Erkrankung der Betreffenden als aussichtslos abgelehnt war, doch noch bewilligt und mit gutem Erfolge durchgeführt wurde. Ich selbst hatte leider erst in 1) Bei entsprechend stärkerer Konzentration der zur Tamponierung angewandten Lösung des Prophylacticums haben Dr. Rosset und andere bei Erkrankungen ähnlicher Art noch raschere Dauererfolge erzielt. 248 * Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. 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doi:10.1055/s-0029-1189890 fatcat:mmp4ccm6zjcsjm23o7vprcsmiq