IV. Zur Geschichte der mittelalterlichen Miete in west- und süddeutschen Städten

Paul Schulin
1920 Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte Germanistische Abteilung  
in Marburg a. d. L. Einleitung. Um zu erkennen, ob und seit wann sich die Wohnungsmiete im deutschen Recht findet, und wie sie sich entwickelt hat, muß man sich zunächst darüber klar sein, was man unter Miete zu verstehen hat. Sie ist ein Vertrag, auf Grund dessen der Vermieter dem Mieter entgeltlich ein Haus oder einen Teil eines Hauses zum Wohngebrauch auf begrenzte -bestimmte oder unbestimmte -Zeit überläßt. Hierin liegt das Wesentliche der Miete, in dem alle Rechte übereinstimmen; in der
more » ... nstimmen; in der Einzelausführung, namentlich in der Frage, welche Stellung der Mieter dem Vermieter und Dritten gegenüber einnimmt, weichen naturgemäß die einzelnen Rechte voneinander ab. Die Miete fällt also in die große Gruppe der Sachleistungs-und in die Untergruppe der Gebrauchsüberlassungsverträge. 1 ) Hier müssen wir die Wurzeln der Miete im deutschen Recht suchen. Aus Gründen, die sowohl in der Fülle der Überlieferung als auch in der Wahrscheinlichkeit des Findens liegen, be-*) Die Anregung zu der vorliegenden Untersuchung verdanke ich Professor Dr. M. Wolff in Bonn und namentlich dem früh verstorbenen Professor Dr. E. Mayer-Homberg in Marburg, welcher sich in seiner liebenswürdigen und stets hilfsbereiten Art der Arbeit freundlichst angenommen hat, ohne aber ihre Vollendung zu erleben. Vgl. 0. Gierke, Deutsches Privatrecht III 1917 S. 411. Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 7/8/15 12:33 AM »JVgl. L. M. Hartmann in Y. J.Sehr. f. Soz. u.W. Gesch. IV S.340ff. *) H. Brunner, Grundzüge der deutschen Rechtsgeschichte, 7. Auflage besorgt von E. Heymann, 1919 S. 29. ') Vgl. S. Rietsehe 1, Die Entstehung der freien Erbleihe in Sav.-Ztschr. XXII S. 181 fi'.; Κ. Beyerle, Konstanzer Häuserbuch II 1, 1908 S. 73, 78. 4 ) Vgl. vor allem A. Heusler, Institutionen des deutschen Privatrechts 1885 II S. 171ÍF. 175; E. Hu ber, System und Geschichte des schweizerischen Privatrechts IV 1893 S. 758 ff.; J. Gobbers, Die Erbleihe und ihr Verhältnis zum Rentenkauf im mittelalterlichen Köln in Sav.-Ztschr. IV S. 142; G. v. Below, Zur Entstehung der dtsch. Stadtverf., in Hist. Ztschr. LVIII S. 201 ff. Auf denselben Gedanken beruht die moderne Rentengutsgesetzgebung·. 6 ) Darauf weist zutreffend Gobbers a.a.O. S. 133 hin. Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 7/8/15 12:33 AM Zur Geschichte der mittelalterlichen Miete. 129 Königs*) ; dieser und die kleineren Grundbesitzer folgten dem Vorbild der Kirche. 2 ) So finden wir die Erbleihe an unbebauten Hofstätten schon früh in den alten Städten entwickelt und gang und gäbe. 3 ) Seit Mitte des 12. Jahrhunderts ist sie die herrschende Leiheform; in derselben Zeit ist auch das Stadtrecht meist fertig. 4 ) Die steigende Entwicklung der Städte hatte seit dem 11. Jahrhundert eingesetzt; im 12. Jahrhundert beginnen die Stadtgründungen, die das Institut der Erbleihe fertig übernehmen. 5 ) Alle andern Leiheformen treten zurück; andere Leihobjekte als Hofstätten sind naturgemäß selten: leer stehende Häuser hat es wohl kaum gegeben; die bestehenden Holzhäuser aber waren in der Regel klein 6 ), enthielten viele Böden, aber wenig Zimmer 7 ) und waren für ') Vgl. 0. Schreiber, Die Geschichte der Erbleihe in der Stadt Straßburg, 1909 S. 179. 2
doi:10.7767/zrgga.1920.41.1.127 fatcat:ryx6bs67ozejxjsghnrcpd4k3y