Altrömischer Maskenbrauch

Karl Meuli
1955
Objekttyp: Article Zeitschrift: Museum Helveticum : schweizerische Zeitschrift für klassische Altertumswissenschaft = Revue suisse pour l'étude de l'antiquité classique = Rivista svizzera di filologia classica Band (Jahr): 12 (1955) Heft 3 Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-13268 PDF erstellt am: 05.04.2021 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Inhalten der Zeitschriften. Die Rechte liegen in
more » ... er Regel bei den Herausgebern. Die auf der Plattform e-periodica veröffentlichten Dokumente stehen für nicht-kommerzielle Zwecke in Lehre und Forschung sowie für die private Nutzung frei zur Verfügung. Einzelne Dateien oder Ausdrucke aus diesem Angebot können zusammen mit diesen Nutzungsbedingungen und den korrekten Herkunftsbezeichnungen weitergegeben werden. Das Veröffentlichen von Bildern in Print-und Online-Publikationen ist nur mit vorheriger Genehmigung der Rechteinhaber erlaubt. Die systematische Speicherung von Teilen des elektronischen Angebots auf anderen Servern bedarf ebenfalls des schriftlichen Einverständnisses der Rechteinhaber. Haftungsausschluss Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr für Vollständigkeit oder Richtigkeit. Es wird keine Haftung übernommen für Schäden durch die Verwendung von Informationen aus diesem Online-Angebot oder durch das Fehlen von Informationen. Dies gilt auch für Inhalte Dritter, die über dieses Angebot zugänglich sind. Ein Dienst der ETH-Bibliothek ETH Zürich, Rämistrasse 101, 8092 Zürich, Schweiz, www.library.ethz.ch http://www.e-periodica.ch Die folgenden Darlegungen sind aus einem öffentlichen Vortrag hervorgegangen; bei der Überarbeitung ist leider die geziemende wissenschaftliche Knappheit nicht durchwegs erreicht worden. Die schwierigen Fragen, auf die der zu interpretierende Vergütext führte, werden nur so weit erörtert, als es unerläßlich schien; eine umfassende Darstellung ist nicht beabsichtigt. Ich verdanke wesentliche Gesichtspunkte und Einsichten Peter Von der Mühll, viele Hinweise 207 zum Preis für die erfindsamen Geister (die Dichter) aus, und lustig beim Wein auf weichem Wiesengrund hüpften sie über geölte schlüpfrige Schläuche. Aber auch unsere italischen Bauern, von Troja entsandtes Volk, treibt Scherz mit ungehobelten Versen und ausgelassenem Gelächter, und Gesichter, aus Baumrinde gehöhlt (also Masken), nehmen sie vor, schauerliche, und dich, o Bacchus, rufen sie mit frohen Liedern, und weiche osciUa hängen sie dir an der hochragenden Fichte auf. Davon (hinc 'infolgedessen'1) gedeiht dann der ganze Weinberg mit üppiger Frucht; da ist Überfluß in den weiten Tälern und im tiefenWaldgebirg und wohin immer der Gott sein herrliches Antlitz wendet2. Darum also (ergo) werden wir (auch weiterhin) dem Bacchus nach feierlichem Brauch den ihm gebührenden Ruhm (suum honorem) verkünden mit den altererbten Liedern, werden ihm die Opferschüsseln mit den Opferkuchen bringen, und, am Hörne geführt, soll der geweihte Bock am Altar stehen, und sein fettes Geweide wollen wir braten an Haselruten3.» Der Aufbau dieser Verse scheint klar und einfach. Als Schädling des Weinstocks, sagt der Dichter, wird der Bock überall dem Bacchus als Opfertier geschlachtet. So wars im alten Attika, bei den Dionysia, und aus den bei diesem Feste üblichen ländlichen Lustbarkeiten ist das attische Drama hervorgegangen. So war es aber auch in unserm Italien: auch hier verbanden sich mit dem Bocksopfer zu Bacchus' Ehren volkstümlich ausgelassene Spiele mit Maskentreiben und mit oscilla. Für die inhaltsreich gelehrte Schilderung des griechischen wie des römischen Festes gönnt sich der Dichter jedesmal fünf knappe Verse. Folge dieser festlich frommen Ehrung des Gottes, fährt er weiter, ist reiches Gedeihen: das sagen die drei nächsten Verse (390-392). Als besonders schön hat Christian Gottlob Heyne4 den Vers 392 gepriesen («und wo immer der Gott sein herrliches Antlitz hinlenkt»): «pulcerrimus haud dubie versus; nihil hac imagine vividius, nihil iucundius.» Was Heyne so ergreift, sind nicht formale Reize wie etwa der reiche süße Wohlklang jenes vielbewunderten Verses Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi, sondern der Gehalt, das Bild, das ein echt religiöses Gefühl aufrührt: wo die Gottheit ihr Antlitz hinwendet, da ist Ordnung, Heil und Segen; wendet sie ihr Antlitz weg, so ist Finsternis, Trübsal und Wirrnis. Wir müssen uns versagen, auf diese altehrwürdige, so natürlich und unmittelbar ergreifende Vorstellung einzugehen, wie verlockend es auch wäre, ihre Ausprägungen im Ritual alter 1 Ehlers, RE 18 (1942) 1570 s. v. oscilla (im Folgenden zitiert als «Ehlers»): «hinc 'demzufolge', vgl. Thes. L. L. 6, 2799, 60; falsch Servius post haec sacra celebrata.it Ebenso F. Marx, Rom. Volkslieder, Rh. Mus. 78 (1929) 405. 2 Die Umstellung des Verses 392 vor 391, wie sie G. de Plinval, Mus. Helv. 1 (1944) 84 vorschlägt, ist zunächst bestechend, hält aber genauerer Prüfung trotz lebhafter Fürsprache von H. Fuchs nicht stand. Nicht Vers 391, sondern erst 392 weitet den Blick über Täler und Wälder hinaus und schließt so das Bild mit schöner Steigerung. Ablehnend auch E. De Saint-Denis, A propos du Culte de Bacchus, Rev. beige de philol. et d'hist. 27 (1949) 712 Anm. 1. 3 Die Übersetzung folgt z. T. Marx (oben Anm. 1). 4 Virgilius editio nova et aecurata 1 (Londini 1821) 311. 208 Karl Meuli Gottkönige, in der Sprache der religiosi und der Dichter zu verfolgen; unangebrachte Gelehrsamkeit hat den Vergil hier trotz Heyne übel mißverstanden5. Die vier abschließenden Verse (392ff.) ziehen die Folgerung aus dieser Erkenntnis: da der Gott seine Ehrung so herrlich lohnt, wollen wir ihn auch künftighin in der hergebrachten Weise feiern: mit carmina patria (394), den herkömmlichen Liedern, die im früheren Zusammenhang (388) passend als besonders fröhlich bezeichnet worden waren; mit den herkömmlichen Opferkuchen (394), deren Erwähnung in der Festbeschreibung unterblieben war, da sie allgemein üblich und kein besonderes Charakteristikum sind; mit dem herkömmlichen Bocksopfer endlich, das oben nicht genannt zu werden brauchte, da sich ja die Bestrafung des Bocks, die für das altattische Fest in gleicher Weise das Bezeichnendste war, mit Notwendigkeit aus dem Zusammenhang ergab. Jetzt leitet es abschließend und kräftig bestätigend zum Anfang zurück (395 hircus ad aram <^380 caper omnibus aris), und mit humorvoll grimmiger Entschlossenheit wird ausgemalt, wie Herz und Leber dieses Bacchusfeindes im Feuer braten sollen: an Haselruten6 gespießt natürlich, verucocta nach altvaterischer Weise, nicht aulicocta 'im Topf gesotten'7. So verstanden scheint sich alles sinnvoll zu fügen. Freilich befinden wir uns damit im Widerspruch zur üblichen Deutung; fast allgemein nimmt man an, Vergil habe in der letzten Versgruppe (393-396) ein zweites, anderes Bacchusfest schildern wollen, nach einem Frühlingsfest etwa ein Herbstfest8. Die Einsicht, daß 6 Ovid. Fast. 3, 789 f. mite caput, pater (Liber), huc placataque cornua verlas et des ingenio vela secunda meo (vgl. 714 zu Beginn der Schüderung Bacehe, fave vati, dum tua festa cano)
doi:10.5169/seals-13268 fatcat:qhefc5pjj5aojbbihth623ai3a