Der Arsenwasserstoff und seine therapeutische Verwendung1)

Hermann Fühner
1917 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Arsenwasserstoff, die gasformige Verbindung von 1 Atom Arsen mit 3 Atomen Wassersloff (AsH3), besitzt bisher ausschließlich toxikologische Bedeutung. Therapeutiech durfte das Gas, trotzdem es schon über 100 Jahre bekannt ist, noch nie versucht worden sein, was bei seiner hohen Giftigkeit ohne weiteres verständlich ist, während der anscheinend weniger giftigé, analog zusammengesetzte A nti mo nwa sserstoff ( SbH3) in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts von französischer Seite als
more » ... er Seite als Expektorans bei Pneumonien Verwendung fand. Der Arenwasserstoff bildet sich bei vielen Gelegenheiten im Labo ratorium und in der chemischen Technik und hat namentlich häufig beim Auflösen von Metallen in arsenhaltigen Säuren zu Vergiftungen geführt. Die Mengen des Gase3, welche dabei, unbemerkt eingeatmet, den Tod herbeiführen können, scheinen sehr gering zu sein. So soll der Chemiker Gehien, welcher 1815 beim Arbeiten mit Arsenverbindungen als Erster dem Oase zum Opfer fiel, nur eine Menge eingeatmet haben, welche 0,6 mg metallischen Arsens oder 0,75 mg arseniger Säure cntspmch*). Die klinischen Erscheinungen der Vergiftung sind schon oit beschrieben worden. Die Hauptwirkung des Arsenwasserstoffes im Organismus besteht in einer Zerstörung der roten Blut körperche n, verbundeil mit Härnoglobinnrie und Ikterus, während Erscheinungen von seiten des Magen-Darmkanals weniger ausgeprägt sind. Erstaunlich is! bei der Arsenwasserstoffvergiftung, ein wie weitgehender Zerfall der roten Blutkörperchen stattfinden kann, ohne daß der Tod des Patienten eintritt. Dies zeigen namentlich zwei Fälle, welche Joachim8) vor einigen Jahren beobachtet hat, bei denen die Vergifteten sich erholten, trotzdem die Erythrozytenzahl infolge der Vergiftung bis unter eine Million abgesunken war. Entsprechendes sah ich im Tierversuch. Auch hier erfolgt leicht Erholung nach weitgehender Zerstörung der Blutkörperchen. Gelegentlich toxikologischer Versuche a n weiß e n Mäusen, welche mit genau dosierten Mengen des Gases angestellt wurden, machte ich dann aber weiterhin die Beobachtung, daß an anfänglich giftig wirkende, blutzerstörende Gaben bei wiederholter Anwendung Gewöhn u ng eintritt, sodaß die Erythrozytenmenge zur ursprünglichen Norm und darüber hin a u s ansteigt. Bei Verwendung von Mäusen mit von vornherein niedrigem Erythrozytenstand sah ich nach einem flüchtigen Abfall der Blutkörperchen ras che n Anstieg bis zu den höchsten normal vorkommenden Werten. Diese Ergebnisse veranlaßten mich, experimentell-therapeutische Versuche mit dem Arsenwasserstoff anzustellen: Ich machte in mehreren Versuchsreihen weiße Ratte n durch Phenylhydrazin anämisch. Die Hälfte der Tiere wurde dann sich selbst überlassn, die andere mehrmals mit Arsenwasserstoff in geeigneten Mengen behandelt. Das Resultat dieser Versuche ist in der Tabelle wiedergegeben. Die durchsçhthttliche Abnahme der Erythrozyten betrug bei den Tieren durch das Phenylhydrazin 50%. Berechnet in Prozenten des Verlustes, ergab sich 14 Tage später bei den nichtbehandelten Tieren eine Zunahme um 43%, bei den behandelten um 70%. Ich habe diese Versuche vergleichshalber in engem Anschluß an solche von Mansfeld und Neuschloss4) unternommen, bei welchen die Behandlung der Tiere (Kaninchen) mit arsenigsaurem Natro n vorgenommen wurde und die zu gana entsprechenden Ergebnissen führten. -Es fragt sich, wie diese günstige Wirkung des blutzerstörenden Arsenwasserstoffes bei anälliischen Tieren zu erklären ist.
doi:10.1055/s-0029-1209750 fatcat:y6linflvhreuzh3cfkdj3zftca