Jean Nicolaus Corvisart

Otto Strauß
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Zum Andenken an seinen 100. Todestag. Der großeii wissenschaftlichen Bedeutung Corvisarts ist man bei uns lange Zeit nicht in jenem Maße gerecht geworden, wie mari es hätte erwarten sollen. Cor visar t ist uns überall bekannt als der Leibarzt Napoleons, er ist der mit äußeren Ehren und Würden überschüttete Vertreter der französischen Kiserzeit. Sein Stern strahlte, solange die Onadensonne Bonapartes über ihm leuchtete. Wie wenig aber diesem wahrhaft großen Mann und Menschen der Schein gewesen
more » ... er Schein gewesen ist, wie tiefinnerlich der stark philosophisch angelegte Gelehrte gedacht hat, das vermag nur dr zu erfassen, der seine Schriften kennt. Wer hat nun heute noch Zeit und Muße Bücher zu lesen, welche nur noch historischen Wert besitzen? Mit Ausnahme jener Kollegen, die sich mit der Geschichte der Medizin befassen, wird wohl niemand jene vergilbten Bücher eines Cor visait und des ihm geistesverwandten Laennec oder Auenbrugger vornehmnemi, die einst die Lieblingslektüre T r a u b es gewesen sind. Zweifellos sind diese Werke veraltet und zum Studium nicht mehr geeignet. Für jeden Arzt aber, den die Geschichte unserer physi-kalischen Diagnostik interessiert, bietet die Lektüre dieser Schriften genußreiche Stunden. Es ist das große und bis jetzt in der Geschichte der Me dizin noch nicht mit genügender Schärfe hervorgehobene Ver dienst C o r y j s a r t s , daß er die k r j t j s c h e Diagnostik überhaupt erst begründete. Die Zeit, in welcher C o r y i s a r t lebte, zeigte sich durch eine durch und durch kritiklose Art des niedizini schen Denkens aus. Obgleich um die Wende des 17. und 18. Jahr. hunderts das philosophische Denken die Naturwissenschaften befruchtete, H a r w e y s Lehre vom Blutkreislauf, H a I 1 e r s Entdeckung der Muskehirritabihität neue Grundlagen für die ärztliche Betrachtung geschaffen hatte, so blieb trotzdem der Abderitismus Trumpf in der Medizin. Als Auenbrugger 1761 in seinem Inventrim novum die Welt davon in Kenntnis setzte, daß man durch veränderte Schahlverhältnisse an der Brust Krankheiten festzustellen vermöchte, als er die Theorie der Perkussion an Hand eines leeren Fasses einer mehr als beschränkten Gegenwart vordemonstrierte, da wurde er ausgelacht. Zu seinem Glück war Auenbrugger noch ein tüchtiger Praktiker und ein erfolgreicher Khiniker, sodaß er vor gänzlicher Verarmung und vor Geringschätzung der Zeitgenossen bewahrt blieb. Er wurde sogar in seinem 62. Lebensjahr nobihitiert, aber es geschah dies iiicht etwa in Anerkennung seiner Verdienste um die Entdeckung der Perkussionskunst, sondernin Berücksichtigung ganz anderer und damit verglichen völlig untergeordmieter Momente. A u e n h r u g g e r var damals, ebenso wie später S e m m e I w e j B , ein wissenschaftlich toter Mann, bis es der Zufall wollte, daß C o r y j s a r t mit seinen Schriften bekannt wurde. Es ist das große, unsterbhiche Verdienst C o r y j s a r t s , als Erster die Ideen Auenbruggers erfaßt und fortentwickelt zu haben. Die Lehre A u e n b r u g g e r s bildete eine richtige Unterlage für den Geist des Kritizismus, der in C o r y i s a r t lebendig war. Auch C o r y j s a r t lag ini Kampf mit der herrschenden Zeitauffassung. Im heftigsten Gegensatz zu seinen Zeitgenossen vertrat C o r y j s a r t damals die Ansicht, daß die ärztliche Kunst nur auf Grundlage gena uer Kenntnis der Pathologischen Aimatourie und Physiologie iiiöglich ist. "Je eifriger sich die Aerzte auf eine g e n a u e K e n n t n i s der A n a t o in j e legen, desto ehei verden sie dimrchi g ii t e B e o b a c h t un g e ii dahin gelangen, eine große Anzahl organischer Verletzungen, welche sie bis jetzt nicht einmal geahnt haben, unter den Krankheiten zu erkennen und als solche zu behandeln." Abem der Arzt soll nicht nur ein "geschickter, fleifliger und geduldiger Prosektor" sein, sondern er soll durch genaue Kenntnis der P a t h o 1 o g i s c h e n Physiologie (nicht der systematischen Physiologie, die nach Corvisarts Ansicht alles erklären will, aber oft nur Vermutungen ausspricht) die Gesamteindrücke, die das Krankheitsbild hervorruft, zu verbinden suchen. Er muß die Teilgrenzen des menschlichen Körpers in allen Einzelheiten kennen. "De r w ah re Ar zt muß den M e n s ch e n stets als ein b e w e g I i e h e s G e m ä I d e betrachten." Diese Ansichten, die uns heute als höchst selbstverständlich anmuten, waren das im jener Zeit durchaus nicht. lii der genauen Kenntnis pathologischer Vorgänge erblickte ein von der Geschichte der Medizin tuiverständlicherweise immer verhältnismäßig günstig beurteilter Zeitgenosse Corvisarts, Broussais, etwas völlig Nutzloses, das nur zur Befriedigung der Neugierde diene. Die Möglichkeit, mint den Mitteln der PhYsikalischen Diagnostik irgendeinen krankhaften Vorgang feststellen zu wollen, leugnete man rundweg. Man warf Corvisart vor, daß er bei allen Erkrankungen ein Herz-I e i d e n iiiutmaße. Als C o r y i s a r t öffentlich die Ansicht vertrat, daß "der größte Teil der Eugbrüstigkeit, Brustwassersuchten, Hautwassersuchtemi oft eilte Erkrankung des Herzens zum Grunde hat", da sprach mami ihm dcii sich er ri B li c k timid (lie reife B eu r teil u n g" ab. Es war nur der überragenden Stellung Cor visa rt s als Leibarzt, Baron des Reiches, dirigierendem Arzt der Charité und Chef des französischen Medizinalvesens zu danken, daß solche Angriffe auf ihn ihr Ziel verfehlten. Der große Mann blieb trotz der Schmähungen der Zeitgenossen ausschlaggebend, seine Methodik machte Schule. Sein Abhorchen der Präkordialgegend bei hleizfehlern gab L a en n cc die Anregung zu seinen Atiskultationsmethoden, sein Assistent B ay he prägte bei der Pneumonie den Begriff der Anschoppung, Pi or r y erfand das Plessimeter, und so begann eine neue Zeit für die physikalische Diagnostik, die untrennbar mit dem Namen Cor vis a r t s verknüpft ist.
doi:10.1055/s-0028-1140954 fatcat:vyoaotyozfbrjamynpydhhkafm