Erfahrungen mit Jod-Prothaemin

Paul Korb
1914 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Das neue, von der Firma Goedecke & Co. in Berlin hergestellte Jod-Eiweißpräparat Jod-Prothaemin soll, wie alle die vielen anderen derartigen in den letzten Jahren hergestellten Priiparate, ich nenne außer dem Jod-Tropon, der Jodgiidine, dem Sajodin u. a. m. vor allem das in allerletzter Zeit von Dr. Löhe 1) und Dr. Artur Blumenthal 2) 1) Ther. d. Gegenw., Januar. 2) D. m. W. 1914 Nr. 4. beschriebene Testijodyl, an Stelle der früher ausschließlich gebräuch. lichen Verbindungen des Jods, dem
more » ... des Jods, dem Kalium und Natrium-Salz desselben, in der Therapie seine Anwendung finden in der Hoffnung, die beim Jodkalium und Jodnatrium leider allzuhäufg auftretenden, mehr oder weniger unangenehmen: jedenfalls unerwünschten Nebenwirkungen, wie das Auftreten eines oft recht lästigen Schnupfens, Belästigungen des Magens u. a. m., wenn möglich, ganz auszuschalten. Autlerdem soll es durch seinen gleichzeitigen Gehalt an Eisen eine Hebung des Allgemeinbefindens bewirken. Das Jod-Prothaemin wird von der Firma Goedecke & Co. mit einem Gehalt von 0,04 Jod pro Tablette in den Verkehr gebracht und ist chemisch und pharmakologisch von Herrn Universitätsprof. Dr. Walter Löb , Vorsteher der Chemischen Abteilung des Rudolf Virchow-Kranken. hauses in Berlin, untersucht worden. Nach der mir von Herrn Prof. Dr. Löb in liebenswürdigster Weise überlassenen Schlußzusammenfassung seiner Prüfung ist das Jod-Prothaemin im wesentlichen jodiertes Bhiteiweiß und enthält keinerlei anorganische Jodsalze. Die Eiweißverdauung beginnt im Magen, wobei das Produkt leicht löslich wird. Bei den in Frage kommenden Verdauungszeiten findet keine beträchtliche Loslösung des Jods aus seiner organischen Bindung statt. Auch die Darmverdauung bewirkt nur in ganz geringem Umfange einen Uebergang des Jods in anorganische Bindung, d. h. in Jodkali. Das Tier (Kaninchen) verträgt bei Dauergabe eine tägliche Dosis von 1 g Jod-Prothaemin anstandslos und scheidet das Jod im Urin wieder aus, und zwar etwa 55 % als Jodkali und etwa 45 % in organischer Bindung. Im Stuhl wird kein Jod ausgeschieden. Es findet also eine gute Resorption der Substanz statt, sodaß bei einmaliger Gabe die Jodausscheidung in etwa 40 Stunden beendet ist. Bei Dauerdosierung wird Jod allmählich zurückgehalten und nach Beendigung der Eingabe nach und nach wieder ausgeschieden. Der eisenhaltige Eiweißkomplex des Jod-Prothaemins wird im Organismus in gleicher Weise zur Verwertung kommen wie ini Prothaemin selbst. Soweit das Resultat der pharmakologischen Prüfung. Nachdem ich bereits vor 2-3 Jahren das Prothaemin in ausgiebigstem Maße auf meiner Abteilung des Diakonissen-Krankenhauses Bethanien" sowohl wie in meiner sonstigen Praxis erprobt und recht befriedigende resp. ermutigende Resultate damit erzielt hatte, über die ich auch seinerzeit berichtet habe,') lag es nahe, von dem neuen Präparat ebenfalls eine gute Wirkung, aber in doppelter Hinsicht, in einer ganzen Anzahl von Krankheitsfällen zu erwarten. Und diese Erwartung ist nach meiner Ansicht voll und ganz erfüllt worden. Ich habe das Joa-Prothaemin seit etwa einem Jahr in einer größeren Zahl von Fällen sowohl in der Privat -wie Kassenpraxis als auch vor allem auf der Krankenhausabteilung verordnet, und zwar, wie ich gleich hier bemerken will, immer mit gutem, oft mit ganz ausgezeichnetem Erfolg. Als Resultat meiner Versuche mit dem reinen Prothaemjn hatte ich damals in der angeführten Arbeit das Prothaemin als ein wirklich nährendes und stärkendes Blutpräparat bezeichnet, das nicht nur in allen meinen Fällen das Körpergewicht, oft ziemlich erheblich, hob, sondern auch deu Hämoglobingehalt des Blutes und die Zahl der roten Blutkörperchen vermehrte. Das Jod-Prothaemin wurde im Gegensatz zum reinen Prothaemin, das meist in Pulverform oder, seltener, in Form von Prothaemin-Kakao resp. Prothaemin-Schokolade gereicht wurde, ausschließlich in Form von Tabletten, ini Anfang ohne, später mit Schokoladeüberzug gegeben, und zwar auch stets im Anschluß an die Mahlzeiten. Die meisten Kranken zerkauten die Tabletten und spülten sie dann mit etwas Flüssigkeit (meist Milch oder Wasser) hinunter, wobei alle die völlige Geruchund vor allem Geschmacklosigkeit lobend hervorhoben. Jedenfalls hat kein einziger von den Kranken irgendwelchen Anstoß bei dem Einnehmen des Mittels genommen. Einzelne zogen es allerdings vor, zum Teil wohl sicher aus Bequemlichkeitsrücksichten, die Tabletten unzerkleinert zu schlucken. Es kann aber auch sehr gut in gelöstem Zustand gereicht werden, da die Tabletten, namentlich diejenigen ohne Schokoladeüberzug, sich in etwas Milch leicht und anstandslos auflösen. Gereicht wurde immer zunächst dreimal täglich eine Tablette nach dem Essen und bald auf dreimal täglich zwei Stück gestiegen. Viele Patienten blieben bei dieser Dosis während der ganzen Dauer der Behandlung; bei einer Anzahl stieg ich aber auch auf dreimal täglich drei resp. vier, in zwei Fällen sogar auf dreimal täglich fünf Tabletten. Auch bei diesen größeren Dosen habe ich nie die geringste Klage gehört, obwohl manche Patienten das Mittel monatelang (3-4) regelmäßig nahmen. Versucht habe ich das neue Mittel in allen solchen Fällen, in denen das Jod erfahrungsgemäß seit altersher eine ausgedehnte Anwendung, namentlich in kleineren Dosen für längere Zeit gebraucht, findet, so vor allem bei der Arteriosklerose in ihren Anfangsstadien, der chronischen Bronchitis und dem Asthnia bronchiale, sowie bei der Lungentuberkulose ') D. m. W. 1912 Nr. 11. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1190699 fatcat:u2fxm7ejafaqneggq6aewr5ysm