Ein Fall von Erweichung des Marklagers einer Großhirnhemisphäre

Alfred Fickler
1913 Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie  
In dem Falle, iiber den ich im folgenden berichte, handelt es sich um eine Frau, bei we|cher das Marklager der rechten Grol~hirnhemisphere in ganzer Ausdehnung durch Erweichung zu Grunde ging; dies erfolgte in drei Sch(iben ira 25., 30. und 32. Lebensjahr. Sic starb im 40. Lebensjahr. Bei der Sektion fand sich an Stelle des Marklagers der rechten Hemisphere eine Cyste; die zentralen Ganglien waren zwar atrophisch, aber yon der Erweichung selbst vbllig versehont geblieben. Die Natur hatte also
more » ... ne Vergnderung gesetzt, wie sie so vollkommen wohl selten einem Experimentator gegliickt ist: die Abtragung einer Gro~hirnhemisph~re unter Schonung der Zentralganglien; jede Verbindung zwischen Cortex und tieferen Hirnteilen war unterbrochen, nut in ihrem oralen Teil, vom frontalen Pol des Nucl. caudat, his zum caudalen Pol des Nucl. amygd, standen die Zentralganglien an ihrer ventralen Seite mit der secund~ir degenerierten Rinde im Zusammenhang. Es bot sich so Gelegenheit, die klinischen und anatomischen Folgen einer Ver~nderung, (lie bei Tieren h~ufig experimentell herbeigefiihrt worden ist, auch beim Menschen zu untersuchen. Krankengesehichte. M. Z., Dienstmiidchen; geboren am 17. Febr. 1864. Aufgcn. am 15. 1)ez. 1893 wegcn "Epilcpsie nach Schlaganfali". A n a m nese: Tochtcr zurzeit gesunder Eltern; dcr Vater soll friiher tin J~hr hmg "Kr~mpfe" gehabt haben. Lernte in der Schule schlecht; kSrperlich entwickelte sie sich gut. War als Dienstmiidchen in Stellung; hat cin uneheli(.hes Kind. Infektion gelcugnet. 1889 i m Mai merktc sie plStziich bei der Arbeit eine Schw~ichc i m li n ken Ar m u n d l i n k e n B ei n, Vorboten sollen nicht vorhergegangen scin; sic konnte zwar die Glicder noch gut bcwcgen, doch war die Kraft in ihnen goring. Noch mehr als die Schw~che ~ber waren ihr GeffihlsstSrungen in den linkssedtigcn Gliedern hindcrlich: H~s und Fiifle waren plStzlich taub geworden, sie fiihlte keinen Schmerz mehr, wcnn sie sich stach oder stieB. Sie konntc mit der linken H,~n(I nichts festhalten und verlor beim Gehcn best~indig den Pantoffcl vom ]inken FuB. lhren Dienst vermochte sic zun~ichst noch wciter zu versehen, in den folgenden Monarch ~tber wurdc (lie Schwiiche immcrgrbBer, hn Herbst 1889 muBte sie ihren .\. l,'Mder: Ein Fall wm I';rw~'iehmtg des Markla~ers usw. 4!) I)ienst aufgeben, da sieh zur Sehwii~ehc und (~efiihlsliihmung noeh Krampfa nfiille gesellten, die anfangs tii~lieh zu mehreren MMen, sp/iter seltener auftraten. Im Beginn des An|'alls mevkte sic, daI3 dh, Finger der linken Hand sich zur Faust ballten, der linke Arm gebeugt wurde und der linke Mundwinkel sieh zusammenzog, dann verh)r sic d~rs BewuBlsein. ]ll dev linken Hand stellte sich allm/ihlieh eine Beugeeontraetttr ein, die abet wieder zuriiekging, naehdem die Kram pfanfiille seit Pfingsten 1893 ganz ausgesetzt halten. Aufnahmel)efund am 15. l)ez. 18(.13, GreBe, kr/ifti~ entwiekelte, gut geniihrte Frau. Sehiidel wm mittlerer Gr6Be, symmetriseh, otme Narbell. Stirnrunzetu, Lidschlug gut. Augen paralM, frei beweglich. Pupillen gh, ieh-und mittehveit; R:A, R/L i. Unteve zwei I )rittel des l i n k e n Fa e ia 1 is pa re t.i s e h. Znnge ziemlieh gerade, ruhig vorgestreekt; Ziipfehen weieht nach reehts ab. An Zunge, (bremen, Raehen keine Narben; l,eukoderma am Naeken, ol>erer Brust und oberem Riieken. hmere Ol'galle ohlte naehweisbare Veriindel'un~en.
doi:10.1007/bf02895242 fatcat:aacxfokyhjahlg2v2ldrgpdbuq