Ueber Mischnarkosen im Vergleich zur reinen Chloroform- oder Aethernarkose

Benno Müller
1905 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Als man durch eingehende pathologisch-anatomische und mikroskopische Untersuchung der Organe der an Chloroformnachwirkung gestorbenen Patienten gefunden hatte, daß die gefährlichste Wirkong des Chioroforms in einer schweren Lsion der inneren parenchymatosen Organe bestehe, und als man die Wirkung des Aether suifuricus als in diesen Bahnen nicht sich bewegend erkannt 'hU haben meinte. sondern die schädliche Eigenschaft dieses Narcoticums einzig und allein in der vermehrten Sekretion von Schleim
more » ... retion von Schleim und Erzeugung von postuarkotischen Bronchitiden und Pneumonien finden zu milasen glaubte, kam man zu dem naheliegenden Versuch, durch Verwenden beider Narcotica die schädlichen Eigenschaften des einen durch die guten des anderen zu kompensieren. Man glaubte nämlich durch die herzanregende Wirkung des Aethers dem (hioroform weniger Gefahr für das Herz durch Beifügen von Aether zu verleihen; außerdem war man der Ansicht, Aether wirke auch auf Leber und Nieren weniger schädlich, da man eine Fettmetamorphose nach Aethernarkosen nicht beobachtet hatte. Es entstanden die verschiedensten Mischungen nicht nur von Aether und Chloroform, sondern man ging noch weiter und wollte durch Hinzufügen von dritten Stoffen noch günstigere Verhältnisse schaffen. So entstanden Mischungen aus Chloroform-Aether-A&ohol in den verschiedensten Verhältnissen, Bromäthyl-Chloroform-Aether, Chloräthyl-Aether-Chloroform etc. Schleich wollte durch gleiche Siedepunkte der Mischungen mit der Körpertemperatur fast gefahrlose Narkosengemische herstellen, und so ist man während der letzten Jahrzehnte bemüht gewesen, all die vielen Mischungen auszuprobieren. Der Eine fand in dieser, der Andere in jener das beste Narkosenmittel und es würde sicher noch lange dauern, bis mau sich über diese vielen Mischungen könnte ein endgültiges Urteil, gestützt auf praktische Erfahrungen und pathologisch -anatomische Befunde, bilden. Ich habe nun versucht, mir ein Bild von dem Werte der Mischungen von Narcotica zu entwerfen. Zu diesem Zwecke babe ich als Maßstab der Wirkung der Narcotica die Veränderungen in den inneren parenchymatösen Organen nach mehreren in kurzen Zwischenräumen von 12-24 Stunden wiederholten Narkosen genommen. Diese Veränderungen repräsentieren das pathologisch-anatomische Bild des protrahierten Chloroformtodes, und es sind diese Veränderungen nach tödlicher Chloroformwirkung als Vergleichsobjekt bei den Versuchen mit den verschiedenen Narcotica und Gemischen derselben genommen worden. In meiner Abhandlung über Fettmetamorphose etc.", die in Langenbecks Archiv für klinische Chirurgie erschienen ist, habe ich diese Versuche eingehend geschildert und habe auch die Veränderungen genau beschrieben, welche nach solchen Narkosen an Tieren gefunden wurden. Ich will hier nicht diese dort beschriebenen Daten wiederholen, sondern den Nutzen für die Narkosenpraxis aus denselben ziehend hier erörtern. Es hat sich im großen und ganzen ein einheitliches Bild der Wirkung aller Narcotica ergeben, welches nur Intensitätsunterschjede aufweist. Wenn man Hunde, die ja hinsichtlich der Narkosen-und Narcoticumwirkung dem Menschen am nächsten stehen, mit Aether sulfuricus, Bromäthyl, Chloräthyl, Chloroform etc. mehrmals in Zwischenräumen von 12-24 Stunden narkotisiert, jede Narkose wenigstens 25-30 Minuten lang, so findat man in den inneren lebenswichtigen Organen : Herz, Lunge, Leber, Niere, Groß-und Kleinhirn, schwere Veränderungen an den Zellen dieser Organe, die sich als Fettmetamorphose, Nekrose und totaler Zerfall kennzeichnen und die je nach der Stärke des betreffenden Körpers als Narcoticum verschieden intensiv und ausgedehnt sich zeigen. Während man früher annahm, daß die Eigenschaft, Fettmetamorphose in den betreffenden Organen hervorzurufen, nur dem Chloroform zukomme und daß Aether sulfuricus z B. eine solche Fähigkeit entbehre, so haben meine Versuche ergeben, daß auch der Aether diese Eigenschaft in hohem Maße besitzt und daß allen untersuchten Narcotica dieselbe Fähigkeit zugesprochen werden muß. Die Kraft der Narcotina, Fettmetarnorphose hervorzurufen, ist direkt proportional der narkotischen Kraft. Dies haben meine Untersuchungen erwiesen, sodaß die Reihenfolge, wenn man mit dem am stärksten wirkenden beginnt und mit dem schwächsten Narcoticum die Reihe schließt, ungefähr folgende ist : Chloroform , Chloralhydrat , Bromäthyl , Chloräthyl-Aether sulfuricus. Es spielt ja nun zweifellos bei der Entstehung von üblen Wirkungen der Narcotica in der Praxis die Disposition der Kranken eine nicht unbedeutende Rolle. Es ist bei den Untersuchungen eine gewisse Norm der Fettmetamorphose gefunden worden, ein Grad der Erkrankung, wie er von jedem Narcoticum in bestimmter Zeit der Einwirkung und imter bestimmten Verhältnissen erzeugt wird; hierbei kommt die Disposition nicht in Betracht. Es sind dies Veränderungen, wie sie als Folgen von Intoxikationen im pathologisch-anatomischen Bilde sich zeigen. Schon nach einer langen Chloroformnarkose findet sich trübe Schwellung der Herzmuskelfaser, Leber-und Nierenzellen und stellenweis Fettmetamorphose, die sich in Form von feinen Fettropfen offenbart. Auch nach einer langen Aethernarkose ist trübe Schwellung und bisweilen Fett in manchen Zellen der Organe vorhanden. Wiederholt man innerhalb 24 Stunden die Narkose, so ist nach dieser zweiten gleich langen Narkose eine bedeutend stärkere Fettmetamorphose mit reichlichen Fettansammlungen in den Zellen zu finden. Setzt man das abwechselnde Narkotisieren so fort. so geht das Tier nach einer bestimmten Anzahl von Narkosen zugrunde, und das Bild in den Organen dieser Tiere ist das, welches man beim protrahierten Chloroformtod am Menschen gefunden hat. Die Annahme, daß Mischungen verschiedener Narcotica gunstigere Verhältnisse schafften, daß sie ungefährlichere Narkosen als die einfachen Chloroform-oder Aethernarkosen erzeugten, war eine durchaus falsche. Die Kombination verschiedener Narcotica umfaßt zwei Hauptgruppen: die eine schließt alle jene Narcoticamittel ein, welche durch direkte Mischung der Narcotica vor dem Verabreichen an den Kranken geschaffen werden, die andere Gruppe sind Narkosen, die erzeugt werden durch Wechseln des Narcoticuins, indem man zeitweise das eine, zeitweise das andere während der Narkose dem Kranken verabreicht. Die erste Gruppe umfaßt eine Menge warm empfohlener Mischungen. Es sind entstanden: dieBillrothsche, ACE-, Richardsonsche-, Otisehe-, Wiener etc. Mischung, Mischung A, B, C etc., ferner die S chle ich schen Siedegemische und viele andere mehr, welche alle aus mehreren Narcotica zusammengesetzt sind und meist hauptsächlich Chloroform und Aether sulfur, enthalten; einige sind noch durch Aether bromatus und chloratus, Alkohol etc. kompliziert. Meist tritt unter diesen Mischungen entweder Chloroform oder Aether sulfur, so in den Vordergrund, daß das eine die Hauptmenge des Gemisches darstellt, während das zweite nur in wenigen Prozenten vorhanden ist. Es gibt aber auch Mischungen aus Aether sulfuricus ± Chloroform í oder 1 Chloroform + 2 Aether sulfuricus, oder 1 Chloroform ± 3 Aether sulfuricus, 1 Chloroform ± 4 Aether sulfuricus oder umgekehrt. Wenn man früher annahm, der Aether sulfuricus entfalte nicht eine gleiche Wirkung wie das Chloroform, so konnte man wohl annehmen, daß Mischungen die Gefahr der Chloroforrnnarkose verminderten. Dies ist hinfällig, da Aether sulfuricus diese1ben toxischen Wirkungen ausübt, wenn auch weniger intensiv als Chloroform. Dieser Annahme entsprechen auch die Resultate der Versuche an Tieren, und zwar ließen sich bei den verschiedenen Mischungen in den pathologischen Veränderungen an den inneren Organen gewisse Hauptzüge deutlich erkennen, die bei dem einen dem Bilde nach reiner Chloroformnarkose, bei dem anderen dem nach reiner Aether sulfuricus-Narkose im allgemeinen glichen, während gewisse Veränderungen nebenbei noch bestanden und die Unterschiede ausmachten. Von den Mischungen, welche sich aus Chloroform und Aether sulfuricus zusammensetzen, wirken alle diejenigen wie reine Chloroformnarkosen, in denen sich Chloroform in wenigstens 25 % findet, während die, in denen ein geringerer Prozentgehaft von Chloroform vorhanden war, in der Hauptsache 296 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 8 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1187991 fatcat:t6p4mj6g5ve5diwcdvmfdebvqm