Neues zur mittelalterlichen Besiedlungsstruktur in der Soester Altstadt

Frederik Heinze
2017
In der zweiten Jahreshälfte 2015 konnte die Stadtarchäologie neue Siedlungsspuren des Mittelalters im Osten der Soester Altstadt aufdecken und dokumentieren. Im Vorfeld der Errichtung eines Mehrfamilienhauses mit Tiefgarage am Hohen Weg 58 hinter der ehemaligen Thomäschule wurden zunächst Sondagen durchgeführt. Im Urkataster von 1828 war lediglich im nördlichen Bereich ein zur Straße giebelständiges Gebäude von etwa 15 m Länge und etwa 8 m Breite verzeichnet, das erst in den 1970er-Jahren
more » ... 1970er-Jahren abgerissen worden war. Der größte Teil der zu bebauenden Fläche war auch im 20. Jahrhundert, abgesehen von einigen Ausschachtungen für Versorgungsleitungen, von tiefgehenden Störungen frei geblieben. So erbrachten zwei Prospektionsschnitte von etwa 20 m Länge und 1 m Breite in Nord-Süd-Richtung und mit einem Abstand von etwa 9 m zueinander bereits zahlreiche mittelalterliche und frühneuzeitliche Grubenbefunde sowie den Kranz eines verfüllten Brunnens. Aufgrund der Befunddichte wurde entschieden, die gesamte Fläche der zukünftigen Tiefgarage freizulegen. In einzelnen Abschnitten konnte so eine Fläche von etwa 450 m 2 archäologisch untersucht werden (Abb. 1). Die ältesten Befunde stellen neun meist rechteckige Pfostengruben dar, die vermutlich zu einem hochmittelalterlichen Pfostenbau gehört haben (Befunde 19, 20, 22, 28, 35a, 41, 42, 44, 53). Deutlich ließen sich bei einigen Gruben noch die Pfostenstandspuren von der Grubenverfüllung trennen (Abb. 2). Teilweise wurden auch in den Endplana noch runde helle Verfärbungen im anstehenden Löss dokumentiert, die ebenfalls als Pfostenstandspuren angesprochen werden können (Abb. 3). Die Pfosten hatten ursprünglich Durchmesser von 0,45 m bis 0,55 m. Das Nordwest-Südost-ausgerichtete Gebäude war bereits traufständig parallel zum heutigen Hohen Weg ausgerichtet und konnte auf einer Länge von etwa 14 m erfasst werden. Das nordwestliche Ende des Baus lag jenseits der Grabungsgrenze und konnte somit nicht aufgedeckt werden. Die Breite des Gebäudes betrug etwa 7,50 m. An der westlichen Längsseite des Gebäudes befand sich ein vermutlich zeitgleicher Grubenkomplex (Befunde 51 und 51a). Bedauerlicherweise waren die Pfostengruben bis auf wenige Wandscherben von uneinheitlich gebrannter Irdenware fundleer, jedoch lässt sich das Gebäude aufgrund von Vergleichsbeispielen aus Soest, der Tatsache, dass keine älteren Grubenbefunde auf der Grabungs äche nachweisbar waren und der Überschneidung durch Gruben des 12./13. Jahrhunderts grob in das 12. Jahrhundert datieren. Das Gebäude hat vermutlich nur während einer Generation bestanden und wurde dann durch eine kleinteilige Bebauung abgelöst. Diese nächste Siedlungsphase nach Abriss des Pfostenbaus lässt sich durch vier Grubenhäuser (Befunde 40, 46, 49, 54) und Siedlungsgruben fassen, die alle schon wieder um die Mitte des 13. Jahrhunderts verfüllt worden sind, was die Funde von zahlreichen Randscherben von Urnenbechern und Krügen mit Dreiecksrändern aus Siegburger Faststeinzeug belegen. Das Grubenhaus F54 war mit großen Mengen an Brandschutt verfüllt und enthielt zudem große Mengen an Eisenobjekten und ein Architekturfragment, die mit dem Bauhandwerk in Verbindung gebracht werden können. Herausragend ist das Vorkommen von zahlreichen Fragmenten von Flachziegeln, die frühestens im 13. Jahrhundert in einige der Grubenverfüllungen gelangt sind. Bis jetzt war diese Form der Dachdeckung im Soester Fundmaterial nur mit einem Fragment vertreten. Die Stärke der Fragmente vom Hohen Weg variiert zwischen 1,8 cm und 2,4 cm. Bei zwei Exemplaren lassen sich Nasen auf den Rückseiten feststellen, die bei der Deckung zur Befestigung der Dachziegel auf Latten gedient haben. Die Fragmente sind zu unvollständig, um Länge oder Breite zu ermitteln. Fast alle haben auf der Oberseite eine grüne Bleiglasur. Löcher, mit denen die Ziegel zusätzlich auf dem Dach festgenagelt werden konnten, wurden nicht beobachtet. Das früheste Aufkommen von Flachziegeln in Deutschland ist in Niedersachsen für Neues zur mittelalterlichen Besiedlungsstruktur in der Soester Altstadt Kreis Soest, Regierungsbezirk Arnsberg
doi:10.11588/aiw.2016.0.43299 fatcat:7vplx22eangpnonfupzwqy7m3q