8 Fazit [chapter]

Miete, Lage, Preisdiktat  
Miete, Lage, Preisdiktat. Spieltheoretiker hätten ihre helle Freude über die verworrenen Zusammenhänge dieser drei Begriffe auf dem Wiener Mietmarkt. Eine kurze Parabel soll dies in einfachen Worten veranschaulichen: Ein Mieter findet seine Wunschwohnung in einem Zinshaus, und vereinbart dafür einen Mietpreis, den er für angemessen hält. Er weiß vermutlich nicht, dass es eine Preisregel über die "erlaubte" Miethöhe gibt. Die Regel ist zudem kompliziert und unpräzis. Wie hoch die Maximalmiete
more » ... sächlich ist, wird erst dann klar, wenn der Mieter seinem Hausherrn "den Krieg erklärt", und über ein Gericht die erlaubte Miethöhe festsetzen lässt. Dies kann auch Jahre nach der Anmietung, und sogar lange nach dem Auszug des Mieters erfolgen. Ein Geldsegen für den Mieter, schließlich dürfte seine bezahlte Miete mindestens um ein Drittel zu hoch gewesen sein. Ein Horror für den Vermieter -er muss das über Jahre zu viel kassierte Entgelt mit Zinsen retournieren. Besonders hoch ist die Rückzahlung in Gründerzeitvierteln. Obschon diese Gegenden sehr zentral gelegen und beliebt sind, und die U-Bahn vor der Haustüre wegfährt, gilt dort die Preisregel, der Richtwert, in seiner strengsten Form. Ob das Haus in einem Gründerzeitviertel liegt, wird man äußerlich kaum erkennen. Dem Vermieter bereitet das Kopfzerbrechen, denn der Mieter stellt für ihn ein gehöriges Risiko dar. Besser, man sucht sich einen "unkomplizierten" Mietertypus, der nicht im Nachhinein die Stirn besitzt, Ansprüche zu stellen. Freilich, als Hausherr kann man die Wohnung auch zum günstigen Richtwert anbieten. Doch dann stürmen hunderte Mietlustige den Besichtigungstermin, da die Miete weit unter der Marktmiete läge. Und hat man denn etwas zu verschenken? Am besten, man tut sich den Stress nicht mehr an, parifiziert das Haus, und verkauft die freiwerdenden Objekte als Eigentumswohnungen ab. Auf dem Eigentumsmarkt kann man Einzelwohnungen verkaufen, die das fünfzigfache der Jahresmiete nach dem Richtwert erlösen. Ganz ohne "schlechtes Gewissen", denn der Eigentumsmarkt ist nicht reglementiert. Die Erzählung bringt auf den Punkt, in welchem Spannungsfeld sich der Mietmarkt in Wien befindet. Sie ist zugleich Beobachtung und Resultat der Forschungsarbeit. Wie viel Miete für eine Wohnung verlangt wird, hängt mehr von der Risikobereitschaft des Vermieters ab als von den Merkmalen der Wohnung. Auf dem Mietmarkt entsteht eine Grauzone, die mit steigendem Mietniveau in Zukunft zunimmt -dies jedoch regional unterschiedlich. Im Fokus dieser Dissertation steht die Lageregulierung des Mietrechts, und deren Auswirkungen.
doi:10.3726/978-3-653-03356-4/11 fatcat:bag63jbwjvbe7fnzgwicqnirua