Sind christliche Dritte-Welt-Gruppen eigentlich solidarisch? : eine gesellschaftsethische Auswertung der Studie "Christliche Dritte-Welt-Gruppen" [article]

Matthias Möhring-Hesse, Universitaet Tuebingen
2020
Sind christliche Dritte-Welt-Gruppen eigentlich solidarisch? -Eine geseUscbaftsethische Auswertung der Studie »Christliche Dritte-Welt-Gruppen« Vom modischen Jammer über den vermeintlichen Verfall der Solidarität haben sich die Autorinnen und Autoren der Studie über christliche Dritte-Weh-Gruppen nicht überrumpeln lassen. Zwar vermuten sie Solidarität »unter Modernisierungsdruck in Gestalt verschärfter Individualisierung« ( 19 ). Gleichwohl erwarten sie nicht nur, daß sich traditionelle
more » ... aditionelle Solidaritätsformen auflösen, sondern stellen gleichzeitig auch neue Formen der Solidarität sowie deren Ausweitung über national.staatliche Grenzen hinaus in Aussicht. Denn Individualisierung schaffe mit der Auflösung von überkolllmenen. vorbewußten Zugehörigkeiten auch »Dispositionen und Chancen für neue, erweiterte und entgrenzte Formen von Solidarität« (21). Dazu haben die einzelnen allerdings aus einer Vielz.ahl von möglichen Solidaritäten auszuwählen, so daß die »Anforderungen an die persönliche und sozial darstellbare Sinnhaftigkeit des Solidaritätsengagements« (22) steigt. Dies gilt auch für die in Dritte-Welt-Gruppen engagierten Christen • und zwar in einer besonderen Gestalt: Nach der Erosion des Milieukatholizismus finden sie in amtskirchlichen Orientierungen keine plausiblen Vorgaben mehr, wie sie ihren christlichen Glauben und ihr Engagement für Menschen in . der sogenannten Dritten Weh vermitteln können. »Christliche Lebensführung und mithin die Verbindung von Glauben und gesellschaftsethischem Handeln werden unter den Bedingungen von religiöser Individualisierung zu einer von den Individuen selbst zu leistenden Aufgabe« ( 117). Bewältigen können sie diese doch recht neuen Aufgaben allerdings nicht in Einsamkeit. Viel mehr sind sie dazu »auf Anerkennung in selbstgewäblten sozialen Gruppen« (ebd.) angewiesen, etwa auf Dritte-Welt-Gruppen mit mehr oder weniger starken Bindungen an das Christentum bzw. an die Kirchen. Mit diesen Vermutungen wurden im qualitativen Teil der Studie die Deutungsmuster von christlichen Dritte-Weh-Gruppen, also gemeinsame und stereotype Sichtweisen und Interpretationen ihrer Mitglieder untersucht. Durch »verstehenden Nachvollzug« von Gruppengesprächen sollten so die grundlegenden, wenngleich eher latenten Situations-, Beziehungs-und Selbstdefinitionen erhoben werden, auf deren Grundlage die Gruppenmitglieder ihr gemeinsames 1?ngagement orientieren und vollziehen. Insbesondere war man daran interessien, wie in den Gruppen das gemeinsame Engagemeot mit dem gemeinsamen Glauben vermittelt wird. Davon ausgehend, daß das entsprechende »Vermittlungsmuster. welches für den Milieukatholizismus kennzeichnend war, an PlaUS11>ilität verliert« (118), stellten sich die Forscherinnen und Forscher »die Frage, wie sich dieser V eränderungspro.zeß auf der Ebene der Deutungsmuster der Gruppen manifestiert« ( ebd. ). Literaturverzeichnis
doi:10.15496/publikation-49193 fatcat:a6gnhh6oufgvje35lsbby4vmdi