Wege zur Volkshygiene

1919 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Ickert, Kreisassistenzarzt in Stettin. In der D. m. W. 1919 Nr. 17 fordert Prof. Schmidt-Ha11 die Erlassung strengster Gesundheitsgesetze mit scharfen Strafbestimmungen, damit die neugewordene erweiterte persönliche Freiheit nicht dazu führe, daß durch Leichtsinn und Fahrlässigkeit verschiedener Personen andere geschädigt werden. Um eine erzieherische, seuchenprophylaktische Tätigkeit in weiterem Umfange wirksam durchzuführen, müßten die bisherigen Kreisarztstellen in reguläre Gesundheitsämter
more » ... e Gesundheitsämter mit ausreichendem Hilfspersonal umgewandelt werden. In den Gesundheitskommissionen und in den aus ihnen zu bildenden Arbeitsausschüssen für die Seuchenbekämpfung müßte die Arbeiterschalt durch verstandige Personen vertreten werden. Auf diesem Wege würde es möglich sein, die Hygiene in weite Kreise hineinzutragen, ebenso durch hygienischen Unterricht in der Schule und besonders durch Erziehung des weiblichen Geschlechtes zur Hygiene. Schmidt deutet hier schon Wege an, die zur Erreichung hygienischer Ideale führen. Die schärfsten Stralbestimmungen haben aber noch nie vermocht, die Menschen zu bessern (nach solchen Bestimmungen gemessen, müßte z. B. das russische Volk eines der kultiviertesten Völker sein), im Gegenteil, die Schärfe der Strafbestimmungen pflegt im umgekehrten Verhältnis zur Kulturhöhe der Völker zu stehen. Wieviel hygienisches Verständnis setzen z. B. die neuen norwegischen Gesetze zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten bei den breiten Massen voraus! Das hygienische Verständnis, der Sinn für Hygiene muß systematisch von frühester Kindheit an jedem Menschen anerzogen, in der Schule weiter entwickelt und im späteren Leben ständig gepflegt werden. Die Hygiene muß von ihrer hohen Warte einer Gelehrtenwissenschaft herabsteigen, um zu einer Volkswissenschaft im wahrsten Sinne des Wortes zu werden. Daß zwecks Erlangung dieses Zieles hygienischer Unterricht in irgendeiner Form sofort mit dem Schreib-und Rechenunterricht in der Schule beginnen muß, wird wohl allen einleuchten. Schwer wird es aber sein, die schon erwachsenen Menschen noch nachträglich zum hygienischen Denken und Fühlen zu erziehen. Für die große Menge der Erwachsenen fällt künftig die hygienische Schulung weg, welche eine recht willkommene Beigabe der militärischen Dienstzeit war. Wissen wir doch alle, dali den sogenannten "gedienten" Leuten bis in ihr Alter hinein ein großer Teil hygienischen Verständnisses anzumerken war. Die kurze militärische Ausbildung der jungen Leute während des Krieges ist in hygienischer Hinsicht garnicht. mehr mit der früheren zu vergleichen, kommt also praktisch nicht mehr in Betracht. Also würde bereits jetzt die große Menge der 14 bis 24jährigen ohne die geringste hygienische Schulung bleiben. Das darf nicht sein, denn die Hygiene ist praktisch die Lehre von der Krankheitsverhütung. Jeder Kranke und Invalide bedeutet für das Reich volkswirtschaftlich einen Schaden. Da wir die nächsten Jahre Unsummen Geldes für die Folgen des Krieges aufbringen müssen, ist es selbstverständlich, daß wir auf anderen Gebieten sparen lernen und beispiels.weise durch Vermeidung der Krankheitsursachen die Ausgaben für Krankheit und Invalidität auf das geringste Maß zu beschränken versuchen, natürlich außerhalb ausreichender Krankenfürsorge.') Also lautet ganz dringend für die nächste Zeit die Frage: "Wie bringen wir unseren erwachsenen Volksgenossen recht rasch das notwendige Verständnis für die Krankheitsverhütung, also für die Hygiene bei?" Das Nächstliegende ist, schon bestehende Einrichtungen zweckmäßig zu verwenden oder umzubauen. Schmidt schlägt vor, zu den preußischen Gesundheitskommissionen, in allen Orten über 5000 Einwohner obligatorisch, trotzdem aber bisher ein recht problematisches Dasein führend, auch Arbeiter heranzuziehen. Mit Recht, denn diese haben oft mehr praktischen Sinn als bloße Theoretiker. Bekannt ist ein Beispiel aus dem Gebiete der Fürsorgeerziehung: ein einer höheren Behörde als (Arbeiter-) Beirat zugewiesener Schreiber gab mit Nachdruck und Erfolg den Hinweis, die Fürsorgezöglinge der betreffenden Provinzialanstalten einmal systematisch von psychiatrischer Seite durchuntersuchen zu lassen -für uns Aerzte zwar eine selbstverständliche Forderung, aber nicht für die Verwaltungs-1) Schmidt (1. e.): Jede Ausgabe für die Seuchenbekämp1ung ist für den Staat letzten Endes noch ein Geschäft." 1050 DTYISCHE MEDIZINISCHE WOCllENSCtRIT Nr. 38 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1138017 fatcat:dm7m2arwmbd55eeyxsrfb5yija