Freizeit [chapter]

2020 Zeit im Lebensverlauf  
Freizeit Dass jeder Mensch täglich 24 Stunden zur Verfügung hat, scheint eine Binsenweisheit. Nicht hingegen, inwiefern er in der Lage und willens ist, über diesen Zeitraum selbst zu verfügen und ihn nach Maßgabe eigener Wünsche und Interessen zu gestalten. Ganz gleich, was der Mensch tut oder unterlässt: Er bindet seine als dahinfließend vorgestellte Lebenszeit an die eine Sache oder die andere -entweder in bewusster Entscheidung, gezwungenermaßen oder unwillkürlich, ohne darüber nachzudenken.
more » ... rüber nachzudenken. Normalerweise wird die freie Zeitbindung durch unterschiedliche Arten unabweisbarer Lebensnotwendigkeiten und Obligationen eingeschränkt. Goodin u.a. (2008) nennen hier vor allem die basalen Reproduktionserfordernisse wie Schlaf, Körperhygiene, Nahrungsaufnahme, Haus-und Sorgearbeit sowie die Notwendigkeit, Zeit für den eigenen bzw. familialen Lebensunterhalt aufzuwenden -in abhängiger Beschäftigung, freiberuflich oder anderswie. Damit hört die Gleichheit der Menschen vor der Zeit allerdings auch schon auf. Denn die Chancen, über die eigene Zeit verfügen zu können, sind sehr unterschiedlich in der Gesellschaft verteilt: Zum einen je nach Lebenslage, beruflicher Position, Einkommen, Geschlecht, Milieu und Bildungsgrad, zum anderen entsprechend dem jeweiligen Lebensalter oder genauer: dem Abschnitt des Individuums im Verlauf seiner Biografie. Ein Drittes kommt hinzu: Ebenso wie die Stellung in der Gesellschaft und die jeweilige Lebensphase eines Menschen wirken, beeinflussen auch die sich wandelnden gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen die Möglichkeiten und Grenzen der Verfügung über die eigene Zeit. So war die Handlungsfreiheit der Menschen in der Agrargesellschaft weithin von den Bedingungen der Natur bestimmt, aber nicht weniger von zum Teil sehr restriktiven sozialen Regeln, etwa was einer Frau erlaubt sei und was nicht. In der klassischen Industriegesellschaft dagegen herrschte für einen Großteil der Menschen die Willkür der überlangen Arbeitszeiten vor, die dank der Kämpfe der Arbeiterbewegungen allmählich auf kürzere und gesetzlich sowie vertraglich abgesicherte, humane "Normalarbeitszeiten" (Deutschmann 1985) reduziert werden konnten. Mit dem sozialen und ökonomischen Wandel veränderten sich die Arbeitsbedingungen, die Menge der verfügbaren
doi:10.14361/9783839448625-022 fatcat:2q3gwicqxnhr3pdy4hcbuz3lam