DER KAMPF DES SELBST MIT SICH SELBST Philosophie der Psychologie

Adorno Und, Heidegger Über, Die Moderne, Josef Früchtl
2008 Hegel zur Einführung   unpublished
Die Ausgangsthese Über die Moderne nachdenken heißt über das Ich nachdenken. Das ist die Ausgangsthese. Hegel hat sie als erster zum Problembestand der Philosophie erklärt, in jüngster Zeit ist sie von Denkern ganz unterschiedlicher Theorieströmungen erneut aufgegriffen worden. So hat Jürgen Habermas, herausgefordert von den Streitern für die sogenannte Postmoderne, die Seite der Moderne und der gescholtenen "maître penseurs" (André Glucksmann) eingenommen, die Seite von Kant, Hegel und Marx
more » ... , Hegel und Marx (nicht aber von Nietzsche). Richard Rorty, der US-amerikanische Herausforderer, hat Partei für die Gegenseite ergriffen, und dies in einer fulminanten (für deutsche Leser allerdings nicht allzu überraschenden) Aufwertung der Romantik und ihres Ideals von künstlerischer Selbsterschaffung. Zahlreich sind die französischen Herausforderer. So hat Michel Foucault in Les mots et les choses die Moderne wissenschaftshistorisch unter der "Episteme" des "Menschen", der Subjektivität beschrieben und in Surveiller et punir genealogisch-machttheoretisch unter dem Begriff der "Disziplinargesellschaft" umgedeutet: Subjektivierung ist demnach Disziplinierung und vice versa. Die moderne Form von Herrschaft macht die Beherrschten durch Selbstbeherrschung zu Subjekten. Jean-François Lyotard hat in La condition postmoderne die Moderne als jene Epoche zu identifizieren versucht, die auf einen Legitimationsdiskurs angewiesen ist, der sich in verschiedenen "großen" oder "Meta-Erzählungen" spezifiziert. Die Moderne bedarf, im Gegensatz zu der von Lyotard ausgerufenen Postmoderne, der Begründung, und zwar der Begründung durch sich selbst, und das Modell hierfür bietet, angeregt durch Descartes, das Ich. Ähnlich wie Rorty hebt auch Charles Taylor, bereits in seiner großen Monographie über Hegel und dann systematisch in Sources of the Self, den romantisch akzentuierten expressivistischen Aspekt von Subjektivität für das Verständnis der Moderne hervor. Doch speist sich die moderne Identität auch noch aus anderen großen Quellen, der religiösen und rationalistischen, und Taylor schwankt zwischen dem postmodernistischen Dauerkonflikt dieser Quellen und der klassisch-modernen, an Hegel orientierten Synthese. Über die Moderne nachdenken also heißt über das Ich nachdenken. Über das Ich nachdenken heißt aber nun, das Verhältnis seiner unterschiedlichen Dimensionen zu gewichten. Denn das Ich ist, wie vor allem Hegel klargemacht hat, keine einfache Einheit. Das Ich, das sich als Ich weiß, negiert seine scheinbare Einheit und erhält (bewahrt und bekommt) sich als Zweiheit, als Ich=Ich. Wer 'ich' sagt, hat sich immer schon verdoppelt und sagt implizit zweimal 'ich'. 'Entzweiung' und 'Entäußerung' sind daher Grundbegriffe der Philosophie Hegels, wenngleich die Grundfigur, die hinter ihnen steht-etwas ist es selbst und zugleich sein Gegenteil-, in ihrem Ursprung theologisch ist, die Säkularisierung der christlichen Lehre von der Selbstentäußerung Gottes. 1 Die Romantik, Philosophen und Dichter wie Schelling, Friedrich Schlegel und Novalis haben diesen inneren Widerspruch des Selbst dramatisiert und entweder tragisch oder ironisch gestaltet. Das Ich ist hier nichts anderes als unendliche Bewegung, der nie enden könnende Versuch, sich als * Dieser Aufsatz greift mit seiner Ausgangsthese und dem Adorno-Teil wesentlich auf mein Buch Das unverschämte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2004) zurück. Unausgeführt blieb in dem Buch aber der Heidegger-Teil.
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