Hausarzt und Forscher – ein Ding der (Un)Möglichkeit?

2012 PrimaryCare  
Liebe Kolleginnen und Kollegen, Schon zum 6. Mal dürfen wir den Forschungspreis des Kollegiums für Hausarztmedizin übergeben und uns für die grosszügige Unterstützung der Mepha Pharma bedanken. Diesmal ist aus der einfachen Preisübergabe erstmals ein «präsidiales Forschungspreis-Symposium» geworden. Das Thema Forschung in der Hausarztmedizin soll nicht mehr nur am Rand dieses Fortbildungskongresses abgefertigt werden. Hausarzt und Forscher -wie geht das? Das soll uns jedoch nicht von der alten
more » ... icht von der alten Frage abhalten: Sind Hausärzte überhaupt fähig, Forschung zu betreiben? Beides, Forscher oder Hausarzt, sind vollamtliche Berufe. Der Forscher arbeitet an der Universität, der Hausarzt in der Praxis. Forschung mit Hausarztberuf zu verbinden, scheint somit fast unmöglich. Um dieses Dilemma zu umgehen, sind verschiedene Lösungen vorgeschlagen und realisiert worden. Es sind Halbtagsstellen geschaffen worden: 50% Hausarzt, 50% Forscher. Alle, die solche Stellen ausgeübt haben, wissen, wie schwer es ist, beides auf höchster Ebene zu tun. Eine andere Lösung ist die Akademisierung der Hausarztmedizin. Da werden Hausärzte zu Professoren ernannt. Da stellt sich die Frage: Ist der Gewählte immer noch Hausarzt oder wird er nicht über kurz oder lang zum «Universitätsarzt», oder -noch schlimmer -zum Spitalarzt, da die Forschung in der Medizin sich vor allem im Spital abspielt? Wie auch immer, die Forschung des Hausarztes riskiert dabei zur Forschung über den Hausarzt zu werden. Der Leittenor der Jury war schon immer, Forschungsprojekte zu unterstützen, deren Thematik von Hausärzten ausgeht. Um qualitativ hoch zu stehen, sollten sie jedoch in Bezug auf Methodik und Auswertung von Fachexperten, die meist aus universitären Instituten stammen, unterstützt werden. Durch eine solche Zusammenarbeit können praxisbezogene Themen auf hohem Niveau angegangen werden. Der Arzt auf dem Sozius -tolerieren statt dirigieren: Anerkennungspreis Damit komme ich zur Preisverteilung. Wir haben beschlossen, einen kleinen Preis -das ist kein Trostpreis, sondern ein Ermutigungspreis! -für eine originelle Idee, wie sie die Jury gerne öfters sehen würde, zu übergeben. Wegen mangelnden Kontaktes mit einer Forschungsgruppe und somit etwas mangelnder Methodik und Auswertung reicht es für diese Arbeit nicht zum Hauptpreis. Die originelle Idee ist folgende: «Was passiert mit den Patienten, die den Empfehlungen des Arztes nicht folgen mögen?» 80 solche Patienten wurden eingeschlossen und weiter beobachtet, und -oh Wunder -bei 75% ist der vom Patienten gewählte Weg der bessere! Schlussfolgerung: Der Arzt auf dem Sozius ist manchmal besser als der Arzt am Steuer oder, wie es in der Arbeit heisst, am Dirigentenpult. Für diese originelle Arbeit «Der Arzt auf dem Sozius -tolerieren statt dirigieren» [1] bekommt Herr Dr. med. Louis Litschgi aus Basel den 2. Preis von CHF 5000.-. Dies soll auch ein Aufruf an Sie sein, liebe Kolleginnen und Kollegen. Auch Sie stolpern immer wieder über Probleme und haben Fragen in Ihrer Praxis, die es verdienten, durch Forschung vertieft oder gar gelöst zu werden. Formulieren Sie sie und arbeiten Sie zusammen mit einem Forschungsteam! Dann werden Sie bei einer nächsten Preisverteilung den Hauptpreis erhalten! The «help» question doesn't help when screening for major depression: Hauptpreis Der Hauptpreis geht an die Lausanner Gruppe des Institutes für Hausarztmedizin. Dass diese Gruppe nicht zum ersten Mal ausgezeichnet wird, ist kein Wunder. Schon seit Jahren haben sich Hausärzte in der Waadt mit der medizinischen Universitätspoliklinik zusammengetan und eine Vielzahl von bemerkenswerten Arbeiten veröffentlicht. Diese Gruppe -für den Erstautor bürgt Herr Dr. med. Patrick Lombardo -erhält den ersten Preis von CHF 25 000.für ihre Arbeit über ein wichtiges Thema der Grundversorgung, der Diagnostik der Depression: «The ‹help› question doesn't help when screening for major depression». Und weil es sich ja diesmal um ein Präsidiales Forschungspreis-Symposium handelt, haben wir als Experten Herrn Prof. Wolf Langewitz angefragt, diese Arbeit zu kommentieren. Eine Zusammenfassung dazu finden Sie im Artikel «Präsidiales KHM-Forschungspreis-Symposium: Erkennung von Depressionen in der Praxis», der im Heft 13 von PrimaryCare publiziert wurde.
doi:10.4414/pc-d.2012.00140 fatcat:ljaupziqbnhxpeqfraxlaawgli