Ein Fall von atrophischer Lähmung der Beine nach Typhus abdominalis

Conrad Alexander
1886 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Unter den Störungen der Reconvalescenzperiode des Typhus abdominalis sind ausgedehnte uncF ausgesprochene Lähmungen der Extremitäten ziemlich selten. So wurde in der medicinisehen Klinik zu Breslau in einem Zeitraum von lOh/2 Jahren bei 390 Typhuskranken nicht ein einziger Fall einer derartigen Lähmung beobachtet. Wenn trotz der Seltenheit dieses Ereignisses eine verhältnissmässig nicht geringe Anzahl dieser Fälle in der Literatur aufzufinden ist , so beweist dies lediglich wiederum die längst
more » ... iederum die längst bekannte Thatsache, dass der Typhus abdominalis wegen der so ausserordentlich wechselnden Art seines Verlaufes und wegen der grossartigen Mannichfaltigkeit seiner Complicationen und Naehkrankheiten von jeher die Aufmerksamkeit und das Interesse der Kliniker in besonders hohem Grade auf sich gezogen hat, besonders eifrig studirt und besonders gern beschrieben worden ist. Dic Pathogenese der Lähmungen in der Reconvalescenzperiode des Typhus abdosninalis ist eine ganz verschiedene. Ein Theil derselben wurde von jeher als peripherisch bedingt betrachtet. Es sind dies die isolirten Lithmungen einzelner Nervengebiete , z. B. des Facialis, des Gaumensegels, des TJlnaris u. s. w. Ein anderer Theil dieser Lähmungen hat einen hemiplegischen Charakter und beruht zweifellos auf Läsionen des Grosshirns (wahrscheinlich embolischen Ursprungs), ein dritter Theil endlich erscheint unter dem Bilde einer Paraplegic. Diese Fälle war man früher sehr geneigt, auf eine Erkrankung des Riickenmarks, eine Myelitis oder Poliomyelitis, zurückznführen. Wie einzelne Sectionsbefunde lehren, kann dies in der That der Fall sein. Allein die meisten in der Literatur niedergelegten Beobachtungen von paraplegischen Lähmungen nach Typhus abdominalis entbehren eínes Sectionsbefundes. Die Entstehung derselben durch eine Erkrankung des Rückenmarks ist daher zum Mindesten nicht bewiesen. Die Beobachtung, welche ich weiter unten ausführlich mitzutheilen beabsichtige, lehrt, dass es im Zusammenhange mit Typhus abdominalis noch eine andere Art schwerer paraplegischer Lähmung der unteren Extremitäten mit stärkster Atrophie der Musculatur und den schwersten Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit giebt, welche offenbar nicht auf einer Erkrankung des Rückenmarks, im Besonderen nicht auf einer Poliomyelitis anterior beruht. Letztere Ursache ist mit aller Sicherheit deshalb auszuschliessen, weil es in diesem Falle, wenn auch erst im Zeitraum von mehr als zwei Jahren, zu einer nahezu völligen Wiederherstellung des Nornialzustandes gekommen ist. Es ist aber eine gesicherte Thatsache, dass atrophische Ganglienzellen nicht wieder ersetzt werden, degenerirte Nervenfasern an der Peripherie aber sehr wohl durch neugebildete normale Fasern ersetzt werden können. Letzteres gilt auch von degenerirten Muskelfasern. Dazu kommt, dass gerade in der neuesten Zeit ein Krankjieitsbild wiederholt beobachtet und sorgfältig studirt worden ist, welches offenbar früher von der Poliomyelitis anterior nicht scharf gesondert worden ist, mit letzterer Krankheit die hochgradige Atrophie der gelähm-Deutsche Medcinische wochenschrift 188G. Zwölfter Jahrgang. ten Musculatur und die schweren Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit gemein hat, sich von derselben aber durch den Beginn mil sensiblen Reizerscheinungen, das in manchen Fällen mehr oder minder ausgesprochene Vorhandensein von Scnsibilitätsstörungen und den häufig günstigen Verlauf unterscheidet. Dieses Krankheitsbild ist die multiple degenerative Neuritis. Zu ihr glauben wir mit Sicherheit auch den Fall rechnen zu dürfen, dessen Krankengeschichte von mir sogleich mitgetheilt werden soll. Wahrscheinlich gehören zur multiplen degenerativen Neuntis die meisten schweren paraplegisehen Lähmungen nach Typhus abdominalis , wenigstens diejenigen, welche mit Genesung und vollständiger Wiederherstellung der gestörten Functionen endigen. In ähnlichem Sinne spricht sich übrigens vermuthnngsweise schon L e yden') aus. Krankengeschichte. Anamnese: A. B., 20 Jahre alt, Dienstmädchen, wurde am 5. Februar 1884 in die medicinische Hniversitätsklinik zu Breslau aufgenommen. Sie bot damals einen ziemlich hohen Grad von Gedächtnissschwäche dar, so dass die nothwendigen anamnestischen Angaben von der Schwester der Patientin erhoben werden mussten. Dieselben lauten folgendermaassen: Patientin war früher gesund, die Menstruation trat im Alter von 15 Jahren auf, war immer regelmässig und stark, ist aber seit October 1883 ausgeblieben. Ende October 1883 erkrankte Patientin an einem sehr schweren Typhus abdominalis, welcher mit sehr hohem Fieber, Erbrechen, heftigen Delirien und schwerem Decubitus verlief. (Der behandelnde Arzt hatte die Freundlichkeit, dies zu bestätigen.) Etwa 7-8 Wochen nach Beginn der Erkrankung, als Patientin schon aus ärztlicher Behandlung entlassen var und sie das erste Mal das Bett verlassen sollte, stellte es sich heraus, dass ihr das Gehen unmöglich war, weil sie dabei zusammenknickte. Zunächst wurde dies auf die allgemeine durch die schwere Krankheit bedingte Schwäche zurückgeführt. Allmählich aber stellte sich eine Lähmung beider Beine heraus, welche immer mehr zunahm. Sie konnte auch beim Liegen im Bett die Beine fast gar nicht bewegen, beim Versuche zu gehen musste sie von zwei Seiten unterstützt werden, stampfte dabei mit den Füssen und gab an, dass sie den Fussboden nicht fühle. Auch klagte sie über Schmerzen in den Beinen. Später stellte sich eine starke Heiserkeit und ein gewisser Grad von Blasenstürung ein, indem Patientin häufig Urin lassen und dabei stark pressen musste, ferner klagte sie andauernd über Kopfschmerzen, Schwindel, Mattigkeit und ein abwechselndes Gefühl von Hitze und Kälte. Das Sensorium derselben war häufig benommen, sie erkannte dann ihre Umgebung nicht, sprach verwirrt und zusammenhangslos und zeigte eine starke Gedächtnissschwäche. Das Sehvermögen der Patientin soll sich ebenfalls verschlechtert haben. Der
doi:10.1055/s-0028-1140054 fatcat:4lcni4byifhg3do7zre73rw7yi