Kritik des Individualismus und Apologie der Libidotheorie [chapter]

Sebastian Edinger
2021 Psychotherapie zwischen Klinik und Kulturkritik  
Angesichts des Individualismus der Gegenwart, insbesondere auf dem Markt der Selbstverwirklichungsideologien ist zu beobachten, wie die Psychodynamik des Narzissmus weithin zum Prinzip der Lebensführung verklärt wird. Dieser Individualismus des gesellschaftlichen Lebens und der Lebensführung des Einzelnen ist vom methodologischen Individualismus vornehmlich soziologischer Theoriebildung zu unterscheiden -Max Weber war diese Unterscheidung noch wichtig -, doch nicht komplett davon zu trennen,
more » ... sich schon an dem paradigmenbildenden Status des »Evangelium[s] des methodologischen Individualismus« (Kondylis, 1999, S. 141) ablesen lässt, in welchem der sozialwissenschaftliche Methodenanspruch und das politische Freiheitspathos eine Symbiose eingegangen sind. In diesem Aufsatz soll entlang von Adornos Kritik der revisionistischen Psychoanalyse Karen Horneys gezeigt werden, wie die Kritik des methodologisch-axiologischen Individualismus Horneys, in dem Methodologie und Axiologie zu einer sich selbst undurchschaubar gewordenen Verschränkung gelangen, in eine Kritik des Therapeutischen mündet, das nicht nur Horneys Konzept der Psychotherapie trägt, sondern sich zudem in eine Komplizenschaft mit der Kulturindustrie begibt. Ein Kernphänomen der Reflexion und Kritik bildet bei Horney wie bei Adorno der Narzissmus. Gezeigt werden soll, dass Horneys psychoanalytische Kritik des Narzissmus nicht mit einer Kritik des Individualismus konvergiert, was bei Adorno hingegen der Fall ist, der das Verhältnis beider besser zu durchdringen vermag, weil und indem er eine dialektisch-naturphilosophische Aneignung der radikalen Psychoanalyse vornimmt, die ohne ein Festhalten an Freuds Libidotheorie nicht zu haben ist. Im ersten Teil soll anhand der Psychoanalyse Karen Horneys gezeigt werden, dass die Verschmelzung von individualistischer Axiologie und Methodik auch vor der Psychologie nicht Halt gemacht hat. Was bereits
doi:10.30820/9783837974874-169 fatcat:cwqnbm2d6zdslbyxblvjgj3ivi