Die erreichbaren Ziele der spezifischen Tuberkulosetherapie1)

H. Selter
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Vor einigen Monaten konnte ich über experimentelle Untersuchungen über das Wesen der Tuberkulinreaktion berichten. Diese Untersuchungen sind inzwischen durch Kombination des Meerschweiñchenversuchs mit der intrakutanen Impfung am Menschen fortgesetzt, indem aus gesunden und tuberkulösen Meerschweinchen nach Tuberkulininjektion hergestellte Stoffe bei tuberkulösen Patienten geprüft wurden, Die Ergebnisse bestätigten meine schon damals aufgestellte Theorie, daß sich im Körper eines mit
more » ... ines mit Tuberkelbazillen infizierten Organismus keine Antistoffe irgendwelcher Art nachweisen lassen, welche mit dem Tuberkulin in Verbindung treten, und daß es sich bei der Tuberkulinreaktion weder um eine Antikörperreaktion im Sinne der Ehrlichschen Anschauungen noch um eine Anaphylaxiereaktion handelt. Ich kann mir das Tuberkulin deshalb auch nur als einen Reizstoff vorstellen, der das tuberkulinempfindliche Gewebe in spezifischer Weise zur Entzündung bringt, ohne daß das Tuberkulin dabei gebunden wird oder verändert zu werden braucht. Als tuberkulinempfindliches Gewebe ist nicht nur das Gewebe um die eingedrungenen Bazillen, der eigentliche Krankheitsherd, sondern das gesamte Körpergewebe anzusehen, sobald die durch die Infektion herbeigeführte Umstimmung des Körpers, die Allergie Pirquets, erreicht ist. Diese tritt beim Menschen erfahrungsgemäß ô bis lo Wochen nach erfolgter Infektion ein. Die Entzündung des tuberkulinempfindlichen Gewebes kann auch durch andere Stoffe, z. B. Eiweißkörper oder andere Bakteriengifte, hervorgerufen werden. Allerdings gehören hierzu beträchtlich größere Dosen. So erhielten wir bei Pepton, dem wirksamsten Proteinkörper, und Dysenterietoxin eine deutliche Reaktion bei intrakutaner Einspritzung erst bei Mengen von über I mg Substanz, bei Tuberkelbazillen dagegen bei 0,01 mg und darunter. Die Proteinkrperreaktionen unterscheiden sich auch wesentlich dadurch von der Tuberkulinreaktion, daß sie nach Abklingen auf subkutane Tuberkulininjektion nicht mehr reagieren, während die alten Tuberkulinreaktionen aufflammen. Es kann sich bei den Proteinkörpern also nur um unspezifische Entzündungsvorgänge handeln. Die Tuberkulinempfindlichkeit ist eine für den Organismus sehr wertvolle Funktion, die den Körper zur Abwehr gegen neu eindringende Tuberkelbazillen oder deren Stoffe befähigt; sie ist wahrscheinlich mit dem Tuberkuloseschutz eines infizierten Menschen identisch. Diesen Abwehrmechanismus funktionsfähig zu halten und seine Leistungen eventuell noch zu steigern, müßte für einen erkrankten Körper sehr günstig und das Ziel einer richtig durchgeführten Tuberkulintherapie sein. Bisher war das Streben der Tuberkulintherapie darauf gerichtet, den Körper allmählich an immer stärkere Tuberkulindosen zu gewöhnen, in der Annahme, ihm dadurch zu einer Immunität gegen Tuberkulin zu verhelfen. Nach übereinstimmendem Urteil aller experimentellen Tuberkuloseforscher der letzten Jahre hat aber das Tuberkulin (ich spreche vorläufig hier nur vom Alttuberkulin) keine antikörperauslösenden oder bindenden Eigenschaften, ist also kein Antigen. Faßt man das Tuberkulin nur als einen Reizstoff auf, so muß das bisherige Vorgehen der Tuberkulintherapie gänzlich verkehrt sein, da man hierbei den Abwehrmechanismus ermüdet und abstumpft. Bekanntlich stehen sich unter den Tuberkulintherapeuten zwei Parteien gegenüber, die Anergisten (vertreten durch y. Hajek, Krämer, Lieberm ei s t e r), welche eine vollständige Unempfindlichkeit gegen Tuberkuhn erreichen wollen, und die Allergisten (Schröder), welche sich mit kleinen Dosen Tuberkulin begnügen und über eine gewisse Stärke nicht hinausgehen. Der letztere Standpunkt läßt sich ohne weiteres mit unserer Theorie vereinigen. Ob aber die Erzwingung einer Anergie, welche in diesem Falle gleichbedeutend mit Ermüdung des Abwehrorganismus wäre, für den Patienten vorteilhaft ist, erscheint mir äußerst fraglich. Wir finden allerdings bei klinisch ge-1) Antonstraße 15 sunden infizierten Menschen, bei denen die tuberkulöse Infektion in ein latentes Stadium übergegangen ist, allmählich ein Nachlassen der Reaktionsfähigkeit der Haut, sodaß der Pirquet negativ wird. Auch bei Kranken, deren Krankheit in klinische Heilung übergeht, sieht man etwas Aehnliches. So beobachtete ich noch vor kurzem bei zwei Studenten mit ausgeheilter Spitzenaffektion, daß sie auf Pirquet und eine intrakutane Injektion mit 0,1 nig Alttuberkulin negativ und erst auf die zweite intrakutane Injektion mit I mg deutlich positiv reagierten. Die Reaktionsfähigkeit kann sogar so weit zurückgegangen sein, daß sie, wie S c h 1 o 13 zeigte, erst auf die dritte oder vierte Injektion zutagetritt. Mit Hamburger bin ich der Ansicht, daß es bei tuberkulös Erkrankten oder Infizierten überhaupt nie zu einem Verschwinden der Tuberkulinempfindlichkeit kommt. Bei den sogenannten biologischen Heilungen Liebermeisters vermisse ich die Prüfung der lokalen Reaktionsfähigkeit in der Haut. Ich will nicht bezweifeln, daß die Erzwingung einer Anergie mit Hilfe einer forcierten Tuberkuhinkur in einzelnen Fällen nicht geschadet hat und daß die Patienten trotzdem klinisch geheilt wurden. Man erlebt bekanntlich oft wunderbare Heilungen, bei denen es aber zweifelhaft sein kann, ob sie durch das angewandte Tuberkuhin herbeigeführt wurden. Auch wenn man das Tuberkulin nur als einen Reizstoff auffaßt, der sozusagen das. Schmieröl für den Abwehrmechanismus darstellt, wird es therapeuhsch sehr wirksam sein können; nur würde ich empfehlen, die Pausen zwischen den einzelnen Injektionen länger zu wählen, etwa 8 bis 14 Tage. Es wäre auch zu prüfen, ob es für die Patienten nicht besser wäre, bei längeren Zwischenräumen die Dosen dann größer zu nehmen und bis dicht an die äußerLch sichtbare Entzündungsdosis zu gehen, bei der aber Allgemeinreaktionen, Fieber und Herdreaktion nach Möglichkeit vermieden werden. Eine zweite wichtige Frage ist, ob man durch andere Tuberkuhine oder Bazillenpräparate vielleicht eine Immunisierung erreicht, die man bei Alttuberkulin nach dem Gesagten nicht erwarten kann. Ich arbeite jetzt seit 15 Jahren fast ununterbrochen an der Aufdeckung der Immunitätsverhältnisse bei Tuberkulose und glaube mir auf Grund von über 2000 durchgeführten und genau beobachteten Meerschweinchenversuchen ein Urteil bilden zu können. Much hält zwar in Verteidigung seiner Partialantigene, denen er eine immunisierende Wirkung zuschreibt, nicht mehr viel von Tierversuchen, nachdem seine glänzenden Resultate an Meerschweinchen von andern nicht bestätigt werden konnten. Er ist überhaupt nicht gut auf die reinen Laboratoriumsarbeiter zu sprechen, die, "dem lebenden Menschen völlig entrückt, ein böses Beispiel der Mangelhaftigkeit unserer Wissenschaft bieten" sollen. Das viel geschmähte Meerschweinchen ist aber ein ganz vorzügliches Tier zu experimentellen Tuberkuloseforschungen, nur muß man die Versuche richtig anzusetzen und zu deuten wissen, vor allem genügend Versuchs-und Kontrolireihen anlegen. An dieser Stelle will ich auf meine Versuche nicht eingehen, möchte nur erwähnen, d a B e s m i r n a c h y i e I e n M i ßerfolgen gelungen ist, bei Meerschweinchen, die mit schwach virulenten Tuberkelbazillen vorb eh a ndelt waren und bei denen sich eine ganz geringe Tuberkulose entwickelt hatte, deutliche fmmunitätse rscheinungen bei nachfolgender Infektion mit virulenten Bazillen nachzuweisen. Eine Volhimmunität in dem Sinne, wie wir sie bei andern Krankheiten kennen, daß nach Ausheilung der Körper geschützt gegen ein e neue stärkere Infektion ist, scheint es bei der Tuberkulose überhaupt nicht zu geben. Hiermit stimmen die bei Rindern gemachten Erfahrungen überein. Vorbehandlung mit abgetöteten Bazillen, auch den Muchschen MIß., dem Ausgangsprodukt der Partialantigene, ergab keine immunisierende Wirkung. E in e Verstärkung der beim erkrankten Menschen vorhandenen Immunität scheint mir deshalb auch nur durch lebende humane Tuberkelbazillen möglich zu sei n.
doi:10.1055/s-0028-1140633 fatcat:gich456y2vd2hdljcneicqecl4