Kunstleben oder Ausdrucksphobie?

Hans Joachim DETHLEFS
2000 die Deutsche Literatur  
V7inckelmann ist "als einer der Menschen anzusehen, welche im Felde der Kunst fiir den Geist ein neues Organ und ganz neue Betrachtungsweisen zu erschlieBen wussten,"i) Hegel korrigiert hier Goethes Auffassung, wonach die Bedeutung VVinckelmanns in der Verschmelzung von Biographie und Werk zu einem Kiznsdehen liegt. Diese Korrektur best2tigen Kunsthistoriker spater. Curtius nennt ihn "neben J.J. Rousseau de(n) andete(n) RevolutionEr der europhischen Kultur"b. Oder ist er nicht doch eher der
more » ... t doch eher der unzeitgemljBe Verz6gerer des modernen Verlustes von MaB und MitteP Das Winckelmann-Bild zeigt sich selbst unter seinen Anhangern gespalten zwischen Wissenschaft und Dichtung, Revolution und Reaktion, zwischen dem Selbstdarsteller und dem heilig gesprochenen Retter der klassischen Tradition. Daneben besaB VCJickelmann von Anfang an seine eingeschworenen Kritiker, die sich an der SterilitZt seines Kunstideals genauso gestoBen haben wie am Gestus des falschen Heiligen. In den langen .Shreit der Ahen und der Modenven, mit dem sich die deutsche Kunstund Dichtungstheorie von Gottsched Uber Schiller und Fr. Schlegel noch bis ins frUhe 19,Jahrhundert auseinandersetzen wird, greift auch Winckelmann polemisch ein. Er wird dabei der Partei der Alten zugerechnet, ja, er Uberbietet in seiner Ausdrucksfeindlichkeit die klassische akademische Doktrin wom6glich noch. An genau diesem Winckelmann-Bild als Parteigtnger der Anu'ens sollen hier einige Retuschen vorgenommen werden. Stljrker gewichtet wird vor allem das Dresdener .Slendscbreihen, in dem Winckelmann als sein eigener, anonymer Gegner auftritt.
doi:10.11282/dokubun.105.0_170 fatcat:aqjgbfg2gvfcvlbcbulk7jlbzy