Offenheit und Konzentration : zum reformierten Verständnis von Einheit und Vielfalt in der Kirche [article]

Ruedi Reich, Universitaet Tuebingen
2020
Ich freue mich, dass ich heute abend bei Ihnen sein darf, Ihnen nicht nur einen Vortrag halten, sondern mit Ihnen ins Gespräch kommen darf 1 . Anders kann es ja nicht sein in einer ökumenischen Begegnung: Der Dialog muss im Vordergrund stehen, das sorgfältige Zuhören. Und dieses Zuhören, dieses ökumenische Für-Einander-Offensein muss geprägt sein von der Annahme, dass der andere recht haben könnte, oder dass er zumindest auch recht haben könnte. Sie wissen, dass es seit den Tagen der frühen
more » ... agen der frühen Kirche durch alle Jahrhunderte meist anders ging: Die Besitzer der Wahrheit wollten andern die Wahrheit einhämmern. Und so füllen die Werke der Kontroverstheologie ganze Bibliotheken. Wir Christenmenschen, auch wir theologisch gebildeten und dadurch auch vorbelasteten Christenmenschen sind eben nie Besitzer der Wahrheit. Es ist nur einer, Jesus Christus, der die Wahrheit ist. Nur Christus, der für uns alle nie Besitz sein kann, spricht es zu Recht: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6). Und damit ist auch klar: Wahrheit ist kein Ding, sondern eine Person: Christus, der uns auf seinem Weg mitnimmt und zum Leben führt. Lebensfeindliche Rechthaberei ist damit ebenso ausgeschlossen wie achselzuckendes, postmodernes Beliebigkeitsdenken. Und nun haben Sie für den heutigen Abend keinen so ganz "zünftigen Theologen" eingeladen wie für die andern Abende, keinen "Prof. Dr." wie sonst. Auch keinen, der jetzt von der Theorie ausgehen will, um dann Schritt für Schritt zur Praxis zu kommen -sollte dann die Praxis nicht mit der Theorie übereinstimmen, so würde einmal mehr gelten: Um so schlimmer für die Praxis. Nein, Sie haben einen theologischen Praktiker eingeladen für heute -auf eigene Verantwortung, denn dies könnte
doi:10.15496/publikation-45083 fatcat:rn2ed3jzpbhbhelgloet7eqaa4