Zur Pathogenese der Anämien im Kindesalter

Hans Opitz
1922 Klinische Wochenschrift  
Angmischen Zust~nden begegnen wir im I(indesalter augerordentlich hgufig. Dieses hgufige Vorkommen hat seinen Grund in der Labilit~t des kindlichen erythropoefischen Apparates. So sehen wir diesen schon auf Noxen reagieren, auf die das ]31utsystem des Erwachsenen noch gar nicht anspricht. Dies gilt nicht nur beztiglich der Intensitgt der Sch:digung sondern auch in zeitlicher Hinsicht. Man ist erstaunt, wie relativ kurzdauernde Einwirkungen ffir den Erwachsenen irrelevanter Faktoren genfigen, um
more » ... ktoren genfigen, um bet dem jugendlichen Organismus eine merkliche Anemic herbeizufiihren. Der Blutstatus ist selbst beim gesunden jungen Sgugling keine konstante Gr6Be. Bekanntlich weist das Neugeborene Werte ffir Hgmoglobin und Erythrocyten auf, die nicht unerheblich die normalen Zahlen fiir Erwachsene fiberschreiten. Sehr rasch tritt jedoch eine Verminderung ein, die sogar bis zu subnormalen Werten am Ende des ersten Trimenons ffihrt. In besonders ausgesprochener Weise zeigt sich diese Erythrocytenverminderung bet sehr schw~chlichen und vor allem zu frtih geborenen Sguglingen, so dal3 man hier geradezu von einer physiologischen Angmie der Frfihgeburten spricht. Auch in morphologischer Hinsicht tritt diese Labilit~t des Blutapparates in Erscheinung. W~hrend beim gesunden glteren Kinde cder dem Erwachsenen die Gr613e der einzelnen Erythrocyten gleich ist, kann man w~Lhrend des ganzen Sguglingsalters such normalerweise.eine Ieichte Anisocytose beobachten. Ebenso finder man selbst bet gesunden Individuen unreife Zellen des roten und weiBen Systems in den ersten Lebenstagen und -wochen nicht selten, mitunter sogar noch in den sp~teren Monaten. Schon ein geringfiigiger pathologischer Reiz, wie er z. B. durch einen Infekt oder durch chronischen Darmkatarrh gesetzt wird, kann genfigeI1, um die unreifen Zellformen in mehr oder weniger erheblicher Zahl im peripheren Blur erscheinen zu lassen. Diese eben erw~hnte allgemeine Labilit~Lt ist nun nicht nur der Ausdruck eines bis zu einem gewissen Grade primer wenig resistenten und erst allmghlich erstarkenden Blutsystems, vielmehr finder sie zum guten Teil ihre Erkl~rung in den recht erheblich erh6hten Anforderungen, die gerade ill dieser Beziehung physiologischerweise an den wachsenden Organismus im Gegensatz zum ausgereiften gestellt werden. W~hrend das erwachsene Individuum fiber eine konstante Blutmenge verffigt, die auf dem gleichen Stande zu erhalten ist, hat das jugendliche nicht nur die normalerweise zugrunde gehenden 13estandteile zu ersetzen, sondern auch dauernd zu vermehren, es hat also ein ganz erhebliches PIus an Arbeit zu leisten. Diese Leistung darf man nicht gering veranschlagen. Die Blutmenge des Menschen betrggt etwa ~/~s--~/~s des K6rpergewichtes. Vergegenw~rtigt man sich nun, dab ein Sgugling yon ca. 325 o g Geburtsgewicht mit 6 Monaten etwa 65oo g und mit 12 Monaten 9--1o ooo g wiegt, so hat er sein Blutvolumen bis zum Ende des ersten Halbjahres zu verdoppeln, bis zum Schlug des zweiten zu verdreifachen. Das bedeutet eine ganz enorme Anforderung, die schon normalerweise an den erythropoetischen Apparat des jungen Individuums gestellt wird, und macht es ohne weiteres verst~ndlich, warum gerade das Blutsystem des wachsenden Organismus bet er-h6hter Inanspruchnahme durch pathologische Einwirkungen so viel leichter insuffizient wird als das des reifen.
doi:10.1007/bf01712505 fatcat:nr6wrockavexdnfoc4pkexcdgy