III. Die quellen des Polybios im gallischen bericht

G. F. Unger
1880 Philologus (Berlin)  
Die quellen des Polybios im gallischen bericht. Die gescliichte der gallischen feldzüge in Italien bei Polybios II 17-35 zerfällt ihrer anlage und ausdehnung nach in zwei verschiedene partien : die erste ist eine mehr skizzenhafte Übersicht der hauptereignisse von der einwanderung bis zum ausbruch des Gaesatenkriegs 225 v. Chr. und die Zeitbestimmung derselben geschieht durch angabe der zwischen den einzelnen bestehenden jahrabstände; die zweite schildert den 225 -222 v. Ch. geführten krieg
more » ... geführten krieg ausführlicher, sie schreitet von jähr zu jähr und datirt nach consuln. Diese ist sicher einem Römer und höchst wahrscheinlich, wie auch allgemein angenommen wird, dem Fabius Pictor nacherzählt ; die erste, von vielen gleichfalls aus diesem abgeleitete partie geht nach unsrer ansieht auf griechische quellen zurück. Dies beweist, wie wir im Hermes XIV 92 bemerkt habenj schon die art und weise der jahrzählung. Kein Römer konnte, wie Polybios II 21, 6 thut, die schlacht von Populonia in das dritte jähr vor Pyrrhos setzen: jene wurde von ft. Aemilius Papus als consul des j. 472 d. st. gewonnen, diese fand unter dem nächsten consulat 473 statt. Von derselben schlacht bis zur bedrohung Ariminums durch die Gallier 518 d. st. sind römisch gerechnet 46 »der 47 jähre; aber Polybios II 21, 1 zählt bloss 45. Von der schlacht bei Sentinum bis zum letzten Senonenkrieg verfliessen ihm zehn jähre (II 19, 7); ein Römer konnte von 459 bis 471 d. st. nicht anders als 12 oder 13 zählen. Vom dritten erscheinen der Gallier vor Rom (405 d. st.) bis zum einfall des j. 455 rechnet Brought to you by | Brown University Roc Authenticated | 128.148.252. Download Date | 6/13/14 8:55 Polybios. Polybios (II 18, 9. 19, 1) 13 und 30, also 43 jähre; römisch sind es 50 oder 51. Diese Verschiedenheit findet ihre einfache und zugleich die einzig haltbare erklärung darin, dass Polybios nach wirklichen jähren rechnet, was von den consulaten bekanntlich wegen vorzeitigen abgangs der beamten oder aus andern gründen viele nicht gewesen sind, und dass diese meist ihren anfang in einer andern als in der bei Polybios vorausgesetzten jahreszeit haben. Wegen der Verkürzung, welche viele römische aintsjahre betroffen hat, ist die abweichung der zählung des Polybios meist derart, dass er weniger jähre angibt als die römische aera erwarten lässt; bei dem stärksten unterschied (43 jähre des Polybios von 405-455 d. st.) ist zu erinnern, dass in diesen Zeitraum die vier dictatorjahre fallen. 2. Worauf hin Niebuhr annahm *), dass Polybios hier griechische quellen ausschrieb, wissen wir nicht; Heyer, de belloruin a Romanis cum Gallis inter I und II bell. pun. gest. scriptoribus (dissert. Königsb. 1867) p. 22 führt zwar den ganzen gallischen beriebt auf Fabius zurück, lässt aber diesen für die zeiten des ersten gallischen einbruchs griechische nachrichten beuützen, weil die Gallier damals den Römern zu fern gewohnt hätten, um näheres von ihnen wissen zu können. Letzteres ist richtig und als ein zweites merkmal griechischer quellen anzusehen; dass aber Fabius solche benützt habe, muss bezweifelt werden. Die behauptung Plutarchs Romul. 3, dass Fabius die gründung Roms dem Diokles von Peparethos nacherzähle, ist bereits von Schwegler I 412 widerlegt und von Peter, fragni, hist. rom. p. LXXXII auf ihren ^Vahren werth zurückgeführt worden. Bestimmte punkte, welche den Nichtrömer verrathen, zu nennen hat Heyer unterlassen ; ausser den unten anzuführenden gehört dahin die angabe, dass nach der rückgabe der stadt die Gallier 30 jähre lang durch bürgerkrieg und angriffe der Alpenvölker am wiederkommen verhindert worden seien, und dass es ein eiufall der Veneter gewesen, der die Gallier zum abzug von Rom vermochte (II 18, 3-4). 3. Ein anderer beweis liegt in der darstellung der ereignisse, welche die Römer selbst angiengen. Die Schilderung sämmtlicher 1) Wie Nitzsch, Rom. annalistik p. 277 angibt; wir entsinnen uns nicht, bei Niebuhr das gelesen zu haben, und Rom. gesch. III 87 zeigt die entgegengesetzte ansieht. Brought to you by | Brown University Roc Authenticated | 128.148.252. Download Date | 6/13/14 8:55 Polybios, 71 kämpfe und berübrungen ist bei Polybios von den in römischen annalen gegebenen von grund aus verschieden. Bei den ältesten und den jüngsten Vorgängen wird kaum die identität der thatsacheu klar und bleibt wenig mehr als die zeitliche Übereinstimmung übrig; in der zeit kurz vor dem zweiten Samnitenkrieg und während desselben findet sich bei Polybios nichts von dem was Livius meldet, und umgekehrt ; besonders wichtig aber ist, dass Polybios eine anzahl schlachten und römische siege der annalistischen Überlieferung nicht kennt, welche dort vielfach übertrieben und ausgeschmückt aber schwerlich vollständig aus der luft gegriffen sind und welche wohl von einem Griechen übergangen werden konnten, nicht aber von einem Römer. 4. Durch die radicale Verschiedenheit beider darstellungen wird die annahme ausgeschlossen, dass Polybios griechische und römische nachrichten ineinander gearbeitet habe; gegen sie zeugt auch die nichtrömische jahrform, welche er verwendet, und die von ihm selbst ausgesprochene und im Rhein, mus. XXXIV 97 am libyschen söldnerkrieg von uns nachgewiesene thatsache, zu welcher sich unten neue belege 2 ) ergeben werden, dass er in der einleitung, welche buch I und II bilden, mit ausnahme des ersten punischen kriegs nur compilirend und unselbständig erzählt und überall eine einzige quelle ausschreibt. Hiezu kommt, dass eine richtige Würdigung des ganzen bis jetjt sehr verschieden und doch auf beiden Seiten nicht ohne thatsächlichen anhalt beurtheilteu berichtes erst bei der annalune griechischen Ursprungs seiner nachrichten möglich wird. Während auf der einen seite der bericht des Polybios als die einzig wahre darstellung der römisch -gallischen kriege gefeiert und alle von ihm nicht anerkannten kämpfe, siege und triumphe, von welchen die römischen annalen melden, für erdichtung erklärt werden, schlagen andere, unter ihnen ein Niebuhr, die autorität des Polybios bei einem guten theil seiner nachrichten nicht sonderlich hoch an. Was er über die befreiung der Stadt, über den (nach seiner zähluug) zweiten und dritten einfall meldet, ist sicher 2) Andere s. Rom. stadtaera (Abh. d. Münchner akad. XV 1. 1879) 1). 50. Nur auf diese weise erklärt sich das vorkommen von unwahren darstellungen in seiner geschichte des Aratos (vgl. Droysen Epigonen 2, 79. 82. 83. 98. 116): Polybios hat sie einfach den denkwürdigkeiten desselben nachgeschrieben. Brought to you by | Brown University Roc Authenticated | 128.148.252. Download Date | 6/13/14 8:55 II. Aehnliches gilt von den Zeitbestimmungen derselben. Auf die des Polybios allein lässt sich keine datirung gründen, weil sie bloss Intervalle angeben, bei welchen ungewiss bleibt, ob er beide grenzjahre oder nur das eine mitgezählt hat; zur entscheidung in dieser frage, und zur auffiudung der bei Polybios vorausgesetzten jahrform helfen uns die angaben der römischen quellen über die consulate und deren antrittstag. Von der Alliaschlacht bis zum beginn des Gaesatenkriegs 225 v. Ch. gibt Polybios zehn intervalle: hat er überall das eine grenzjahr ausgeschlossen und lauter volle jähre gezählt, so ergeben diese einen Zeitraum von 158 jähren; im andern fall nur von 149. Die Alliaschlacht fällt ihm also zwischen 383 und 374 v. Chr. Etwas enger ziehen sich die grenzen , wenn man nur bis zu dem ersten chronologisch sicheren ereiifniss, dem letzten Senonenkrieg 283 v. Ch. rechnet: die sechs bis dahin laufenden abstände ergeben ein maximum von 99, ein minimum von 93 jähren ; das datum der Schlacht fällt dann zwischen 382 und 376 v. Chr. Dass sie 381 geschlagen worden ist, lebrt der hericht von dem bündniss der Gallier mit dem tyrannen Dionysios I (Justin. XX 5). In betreff der jahrform lässt sich zunächst erweisen, dass keine der beiden von Polybios in seiner "eigenen", d. i. mit dem III. buch beginnenden geschichte angewendeten olympiadenrechnungen vorausgesetzt ist. Den sieg über die Boier und Etrusker bei Populonia setzt er II 20, 6 in das dritte jähr vor Pyrrhos landung. Diese geschah um frühlingsanfang 280, ol. 124, 4, jener im consulat des Aemilius Papus und Fabricius 472 d. st., welches mit dem 15. juli 282 anfieng 4 ), also fast
doi:10.1524/phil.1880.39.14.69 fatcat:z4sf37totfhzhdcmli5dgywtai