Burkhard Reber, Genf (1848-1926), und sein Beitrag zur Geschichte der Medizin und Pharmazie

Paul Röthlisberger
1977 Gesnerus  
Burkhard Reber lebte während fast eines halben Jahrhunderts in Genf. 1879wurde er Chefapotheker am Kantonsspital. Da es dem Unterricht und der Forschung diente, stand er mit den Mitgliedern der 1876 eröffneten Medizinischen Fakultät in Verbindung. Auch zeichnete er sich in vielseitiger Weise im wissenschaftlichen Leben Genfs aus. Ihn vorzustellen, erscheint uns um so zeitgemäßer, als sich 1976 der 50. Todestag Rebers jährte und noch keine Würdigung und vollständige bibliographische Erfassung
more » ... hische Erfassung seines medizinund pharmaziehistorischen Schaffens besteht. 1. Jugend und .S'tudien/a/ire Burkhard Reber wurde am 11. Dezember 1848 als Sohn eines Landwirte-Ehepaares in Benzenschwil im aargauischen Freiamt geboren. Obwohl er wie seine Geschwister schon früh zur Mitarbeit im elterlichen Hof angehalten wurde, zeigte der Knabe Neigung zur Zoologie, zum Sammeln von Versteinerungen und zur Pflege eines kleinen botanischen Gartens. Neben den Eltern gewann sein Onkel Hans, der als Gemeindepräsident wirkte und über eine breite Allgemeinbildung verfügte, durch seine Gespräche mit dem Neffen einen bestimmenden Einfluß. Ob die Tatsache, daß 1860 unter dem jetzigen Schulhaus Gräber mit gut erhaltenen Schädeln und Knochen entdeckt wurden und daß unweit dieser Stelle eine für die Bronzezeit charakteristische Lanze gefunden wurde, das spätere Interesse Rebers an der Archäologie anregte, ist uns nicht bekannt. Im Geburtsort und auch in Schoren, wohin die Eltern später übersiedelten, war der junge Reber stets der Klassenerste. Dem 13 jährigen erklärte der Lehrer, daß er ihm nichts mehr beibringen könne. Da im Schüler stets der brennende Wunsch nach einem höheren Studium lebendig war, erlaubte ihm schließlich die Mutter trotz mancher Hindernisse den Besuch der Bezirksschule in Muri. Auch dort zeigte der Jüngling eindrückliche Kenntnisse in den Naturwissenschaften, so daß ihn der Fachlehrer mit der Neuordnung der mineralogischen und botanisehen Sammlung betraute. In Muri machte Reber die Bekanntschaft von Dr. Theodor Simmler, dem Mitgründer des Schweizerischen Alpenclubs, der als Chemiker und Lehrer an der dortigen landwirtschaftlichen Schule wirkte und für den vielseitig aufgeschlossenen jungen Reber väterliche Zuneigung hegte. Mit der Zeit zogen ihn auch die Archäologie und die Geschichte an. So entdeckte er 1866 in 213 Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access der Umgebung von Muri die Überreste einer römischen Villa, die in der Folge durch Fachkreise ausgegraben wurde. Bei der Berufswahl schlug der Schulrektor den Besuch des Seminars vor, damit sich Reber dem Lehrfach zuwenden könne. Dies entsprach jedoch nicht den Vor-Stellungen des Schülers, der sich den Naturwissenschaften widmen wollte. Deshalb entschloß er sich, Apotheker zu werden, wozu er am 1. Mai 1868 eine Lehre in Weinfelden antrat. Dort stand er in den Sommermonaten meist schon morgens um zwei oder drei Uhr auf, um sich zur Anlage eines Herbariums dem Botanisieren zu widmen, denn schon um 6 Uhr hatte er auf seinem Posten in der Apotheke zu stehen. Die neue Umgebung war reich an Pflanzen und historischen Stätten. Bei den Streifzügen entdeckte er im Torfmoor von Heimenlachen im Thurgau eine Pfahlbausiedlung. Der Fund brachte ihn mit dem bekannten Urgeschichtsforscher Ferdinand Keller in Zürich in Verbindung; diese blieb bis zu dessen Tod bestehen. Die ersten archäologischen Veröffentlichungen Rebers betreffen diese Siedlung und weitere Funde im Kanton Thurgau. Seit dem Antritt seiner Lehre fing er auch an, alte Gegenstände und Dokumente aus der Geschichte der Pharmazie zu sammeln, die damals oft achtlos weggelegt wurden. Im Oktober 1871 trat Reber zur weiteren Ausbildung in eine Apotheke von Zofingen ein, von wo er in der Freizeit zahlreiche botanische und geologische Exkursionen in die nähere und weitere Umgebung, auch in den aargauischen Jura, unternahm. Auf der Staffelegg entdeckte er Coelestin-Geoden (SrSO^) und versorgte aus dieser Fundstelle zahlreiche Museen und Liebhaber. 1872-1874 weilte Reber in Neuenburg, wo er zunächst in einer Apotheke tätig war, dann als Student in die Akademie eintrat und sein propädeutisches Examen ablegte. Auch während dieses Welschlandaufenthaltes wurden die vielseitigen Sammeltätigkeiten in der LTmgebung fortgesetzt. Er fand zahlreiche Freunde, namentlich, nachdem er in die Studentenverbindung Zofingia eingetreten war. Nach einem Semester in Straßburg führten die Studien Reber an die Universität Zürich, wo er 1877 das Staatsexamen als Apotheker bestand. In der Folge übernahm er Verwalterstellen in Apotheken von Aarau, Baden und Schaffhausen. Für Einzelheiten über den Werdegang Rebers sei auf die kurzen biographischen Darstellungen verwiesen (1897*, p.XXXIIIff.).* 2. /fenr/Ztc/ie Tätigkeit 1879 wurde Reber an den neugeschaffenen Posten eines Chefapothekers am Kantonsspital Genf berufen. Das Gehalt entsprach keineswegs der Bedeutung der * Die Jahrzahl bedeutet das Publikationsjahr, die hochgesetzte kleine Zahl die Reihenfolge der Publikation Rebers im betreffenden Jahr in der Bibliographie, S. 227-231. 214 Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access Stellung. Man sicherte jedoch dem Inhaber zu, daß er mit einer Besserstellung rechnen könne, wenn nach Ablauf des Probejahres gegenüber dem bisherigen System, das den einzelnen Kliniken die Freiheit der Arzneimittelbeschaffung in den Apotheken Genfs ließ, sich durch den zentralen Einkauf der Spitaloffizin wesentliche Einsparungen ergäben. Außerdem wurde Reber ein Lehrstuhl an der Universität in Aussicht gestellt. Mit diesen vielversprechenden Perspektiven nahm Reber die Ernennung an, da ihn eine ausgesprochene Vorliebe für die wissenschaftliche Tätigkeit anzog. Mit Schwung ergriff er seine neue Aufgabe. Doch bald zeigte es sich, daß er eine undankbare Arbeit übernommen hatte. Die Einrichtungen der bisherigen Apotheke befanden sich in einem miserablen Zustand. Zwar sollte die von den Behörden gutgeheißene neue Organisation auch die Einsparung teurer Spezialitäten und die Verhinderung eines unwirtschaftlichen Medikamentenverbrauchs erzielen; doch waren im Spitalbetrieb alte Gewohnheiten zu stark eingewurzelt. Dennoch konnte Reber die früheren Ausgaben für Medikamente um rund 50% senken. Dies wird durch die nüchternen Tatsachen des Jahresberichtes von 1879 belegt, der einleitend vermerkt, daß neu als Chefapotheker «M. Burckhard Raeber [sie !], Argovien, pharmacien patenté» berufen worden sei. «La pharmacie... a continué à se développer pendant le courant de 1879, à notre entière satisfaction. Malgré les tâtonnements et les difficultés inhérents à toute nouvelle entreprise, les résultats... présentent une réduction notable du coût de la pharmacie et une réelle amélioration dans le fonctionnement de ce service, qui laissait à désirer. Mais le vrai succès a été la régularité obtenue, aussi bien que la bonne qualité des médicaments et la prompte exécution des ordonnances.»^( 1879, p. 7.) Die unbestreitbaren Erfolge waren für die Anhänger der früheren «Ordnung» ein wahrer Donnerschlag -«un véritable coup de massue», bemerkt Reber. Allerdings versuchte man die Neuregelung zu beeinträchtigen, da sie die früheren Mißbräuche und die schamlose Ausbeutung durch die Klüngelwirtschaft und Gefälligkeiten in der Vergangenheit klar bewies («prouvait à l'évidence les abus et l'exploitation éhonté du système de favoritisme et complaisance du passé»)i (p. 5). Auch im zweiten Amtsjahr hatte Reber immer noch unter Gehässigkeiten zu leiden; zwar verziehtete man darauf, ihn in seiner Stellung zu 'sprengen', wünschte ihn aber zum Kuckuck. Trotz ständiger Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten mit der Verwaltung und der Spitaldirektion, den Oberärzten und Professorenletztere waren, wie Reber bemerkt, von den Assistenten und dem Pflegepersonal falsch informiertverlor er seine Rulle nicht, sondern führte die übernommene Aufgabe unbeirrbar fort. Seine Hauptsorge galt einer gewissenhaften Herstellung der Medikamente und einwandfreien Belieferung der Kliniken. Daneben befaßte er sich 216 Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access mit dem Ersatz ausländischer, vor allem teurer Spezialitäten durch Eigenpräparate aus der Spital offizin. So gelang ihm die Erfindung des seinerzeit vielverbreiteten 'Terebens', das als Antiseptikum und Desinfektionsmittel diente. Hätte Reber nicht in uneigennütziger Weise dessen Herstellungsverfahren veröffentlicht, so hätte ihm die geschäftliche Verwertung wohl ein Vermögen eingebracht * (p.3). Auch in den Jahresberichten für 1880 und 1881 lauten die Beurteilungen Rebers durchaus schmeichelhaft, so 1880: «La pharmacie installée il y a deux ans, continue à fonctionner à notre entière satisfaction. Les résultats qu'on espérait en créant ce service important [...] ont répondu à notre attente. Economie, célérité et bonne exécution dans les ordonnances, tout cela nous avons obtenu, grâce à la manière consciencieuse avec laquelle notre pharmacien, M. B. Raeber [sic] dirige notre pharmacie.(1880, p.12.) 1881 wird berichtet: «Le nombre des potions faites dans le courant de l'année a dépassé de beaucoup celui de l'année précédente. [...] Malgré cette manipulation considérable, aucune erreur, ni aucun accident n'ont eu lieu. Cela témoigne de l'activité et du savoir-faire de notre pharmacienchef. »2 (1881, p.12.) Wie verhielt es sich nun mit den Reber vor Antritt der Stellung gemachten Zusagen, nachdem er seine fachliche Befähigung bewiesen und der Republik Genf namhafte Beträge eingespart hatte Die zuständige Persönlichkeit, mit der Reber seinerzeit verhandelt hatte, war inzwischen kaltgestellt worden, und niemand wollte für die Zusicherungen haften. Als die Offizin zu einer Staatsapotheke für die Versorgung sämtlicher öffentlicher Institutionen (der Polikliniken, der Gefängnisse, der Irrenanstalt usw.) erweitert werden sollte, wurde das Vorhaben vom Großen Rat abgelehnt. Da sich Reber in seiner Tätigkeit, die die Ellbogenfreiheit der Kliniken einschränkte, kaum besondere Sympathien in der Fakultät erwarb, war ihm eine akademische Laufbahn verbaut. Angesichts einer in jeder Hinsicht auch für die Zukunft unhaltbar werdenden Situation beschloß Reber nicht leichten Herzens, seine Stellung aufzugeben und eine eigene Apotheke am Boulevard James Fazy zu gründen. Ohne einen Hinweis auf den Rücktritt Rebers und eine Verdankung seiner Dienste meldet der Jahresbericht 1885 lakonisch: «Outre M. Bourget, pharmacien en chef, M. Narbel a été nommé pharmacien second.» Obgleich Gründung, Einrichtung und Führung einer Apotheke ganzen Einsatz verlangen, hatte Reber noch den Mut, sich wissenschaftlichen Neigungen und Arbeiten zu widmen. Gleichzeitig übernahm er als Mitgründer die Redaktion der monatlich zweimal erscheinenden, zweisprachigen Zeitschrift «Le Progrès -Der Fortschritt -Internationale Zeitschrift der Pharmazie und Therapie», für die er zahlreiche Beiträge schrieb. Angeregt durch die Empfehlungen des Internationalen Hygiene-Kongresses vom Jahre 1882 in Genf, war er nicht nur führend an der 217 Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access 1887 erfolgten Gründung der «Société de crémation de Genève» beteiligt, sondern auch während rund dreier Jahrzehnte für die Gesellschaft tätig. Durch zahlreiche Vorträge und Schriften suchte er die Kremation ebenfalls in anderen Schweizer-Städten und im Ausland zu fördern. 1888/89 wurde Reber vom Bundesrat als Mitglied der eidgenössischen Kommission für die Fachprüfung der Apotheker in Genf und als Mitglied zur Vorbereitung der dritten Auflage der «Pharmacopoea Helvetica» gewählt, für die er zahlreiche Abschnitte beisteuerte. Nach fünf Jahren unermüdlicher und vielseitiger Tätigkeit erkrankte Reber an einer schweren Influenza. Ihre Folge war eine ernste Herzaffektion. Sie zwang ihn, seine Apotheke und seine Redaktionstätigkeit aufzugeben und die Zeitschrift eingehen zu lassen. Die Ärzte verordneten ihm einen längeren Aufenthalt in einer Höhe von über 1500 Metern, wozu Reber eine Ortschaft im Wallis aufsuchte. Die unfreiwillige Muße benützte er zum Ausbau seiner Sammlungen und zu prähistorischen und volkskundlichen Exkursionen in die Seiten-und Hochtäler des Kantons. Die wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlichte er in Fachschriften® (p. 309ff.). 3. Die Samm/tmg Refeer Seit seinem 20. Lebensjahr sammelte Reber alte Gegenstände, Bücher und Dokumente zur Geschichte der Pharmazie und später auch der Medizin. In jüngeren Jahren bedrückte ihn der Spott der Mitwelt über dieses Steckenpferd. Denn kaum jemand sah darin einen Sinn, «Gerümpel» zu sammeln und nicht mehr gebrauchte Gegenstände aus Apotheken und aus der medizinischen Praxis aufzuheben. Mancher dachte, er habe einen «Vogel im Kopf» (une arraignêe au plafond), wie Reber bemerkt. Mit der ihm eigenen Energie verstand er es aber, die Bestände mit der Zeit zu äufnen, obgleich er sich Zurückhaltung für größere Ankäufe auferlegen mußte. «Il a fouillé partout, achetant ce qu'il voyait d'intéressant, au point de déséquilibrer son budget», schrieb später ein Fachkollege® (p. 26). Am 1. Mai 1893 waren 25 Jahre seit dem Eintritt Rebers in den pharmazeutisehen Beruf vergangen. Dabei konnte er nicht nur auf ein erfolgreiches berufliches Wirken zurückblicken, sondern auch auf ein wahrhaft vielseitiges wissenschaftliches Schaffen, wie seine Gesamtbibliographie zeigt®. Zur Feier des Jubiläums vereinigten sich in-und ausländische Fachkollegen, um Reber eine Glückwunschadresse, eine goldene Medaille und ein Album mit Gratulationen zu überreichen. «Us sont rares les hommes, qui, gagnant leur vie depuis la quinzième année de l'existence, travaillant et luttant continuellement, gardent les illusions idéales de leur jeunesse», bemerkt ein Zeitgenosse (1897®, p. XXXI). Gerührt von diesen Zeichen der Hochschätzung, beschloß Reber, das Ergebnis seiner gleichfalls ein Vierteljahrhundert währenden pharmazie-und medizinhistorischen Sammel-218 Downloaded from Brill.com12/31/2020 05:22:03AM via free access tätigkeit der öffentlichen Besichtigung zugänglich zu machen. Allerdings ver-
doi:10.1163/22977953-0340102018 fatcat:mocd6utsfnhiho274svsxy5sfi