Antjekathrin Grassmann: Preußen und Habsburg im 16. Jahrhundert

Stephan Dolezel
1971
starken Einfluß des Rigaer Domes wurde im lettischen und südestnischen Gebiet die Basilika zum dominierenden Typus. Anders verhielt es sich, wie bereits erwähnt, in Nordestland, wo zumindest drei der wichtigsten Revaler Kirchen im 13. Jh. eine Hallenform erhielten; allerdings wurden; diese Kirchen um 1450 in Basiliken umgewandelt. Wie erklärt sich diese eigenartige Entwicklung in Alt-Livland zu einer Zeit, in der in Deutschland die Hallenkirche einen endgültigen Sieg errungen hatte? Teilweise
more » ... hatte? Teilweise hängt sie wohl mit der isolierten Lage des Landes zusammen, die eine Vermengung alter und neuer Formen bewirkte, je nach Fähigkeit der Baumeister, den herrschenden Stilrichtungen zu folgen. Es gab aber sicher auch andere, rein soziale Gründe. Während die Hallenkirche in Mitteleuropa die große Bedeutung der Bürgerschaft im spätmittelalterlichen Gemeinwesen bekundete und die Demokratie der Städte zum Ausdruck brachte, nahm die Bürgerschaft im Kolonialland Alt-Livland eine andere Stellung ein. Neben den Deutschen hatte man es hier ja mit der Urbevölkerung des Landes zu tun, die einen recht großen Prozentsatz der städtischen Einwohnerschaft ausmachte. Diesen unterworfenen Völkern gegenüber fühlten die deutschen Bürger sich als Oberschicht, selbst ihre Kommunalbauten erinnerten in ihren Formen an Festräume des Deutschen Ordens. Auch Georg Dehio verweist darauf: "Es ist der architektonische Ausdruck für die soziologische Tatsache, daß in diesem Koloniallande auch das Bürgertum sich aristokratisch fühlte." Vielleicht findet diese Spaltung auch in der Spätblüte der Basilika ihren Ausdruck. Es ist ein Konservativismus, der sein Gegenstück in Revals spätgotischer Steinskulptur hat, ein Konservativismus, der in späterer Zeit mutatis mutandis die Vorherrschaft der Gotik in den baltischen Kirchen bis zum Beginn des 20. Jhs. verursacht. Vagas Untersuchung bringt die baltische kunstgeschichtliche Forschung einen großen Schritt vorwärts, wenn sie auch begreiflicherweise nicht alle Probleme der sehr verwickelten baltischen Kirchenarchitektur löst. Der Vf. hat jedoch unerschrocken den Weg gezeigt, der zur Revision älterer Ansichten führt; er beherrscht die Problemstellungen, was von größter Bedeutung für die weitere Denkmalforschung ist. Es gibt vieles, was einer Lösung harrt, nicht zuletzt im Hinblick auf die zahlreichen im Gang befindlichen Wiederherstellungsarbeiten. Dazu bedarf es der Arbeitshypothesen, und diese bietet Vagas Abhandlung in reichem Maße. Armin Tuulse
doi:10.25627/19712012506 fatcat:5j5ymvj2j5ajnnxzwmy45b4g2q