Ueber sympathische Ohrenerkrankungen

1900 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In letzter Zeit habe ich in zwei Fällen durch Entfernung des an die Labyrinthwand narbig fixirten Hammers eine so bedeutende dauernde Horverbesserung des zweiten nicht operirten Ohres erzielt, dass ich die Veröffentlichung dieser beiden Falle für berechtigt hake. Wenn auch nach unseren bisherigen Erfahrungen die sympathischen Erkrankungen der Ohren nicht die gleiche Rolle zu spielen scheinen, wie diejenigen der Augen, so muss doch als festgestellt gelten, dass zwischen beiden Ohren ein gewisses
more » ... Ohren ein gewisses Abhängigkeitsverhältniss besteht. Bisher hat dasselbe in der Ohrenheilkunde wenig Beachtung gefunden, die meisten Lehrbücher äussern sich über diesen Gegenstand gar nicht, nur in dem Lehrbuch vonEitelberg undin der von Blau neuerdings herausgegebenen Encyklopadie der Ohrenheilkunde fand ich eine eingehende Würdigung dieses Gegenstandes, auch Kirchner bespricht denselben in seinem Lehrbuche. Und doch haben bereits alte Ohrenärzte wie Itard und Linke darauf aufmersam gemacht, dass Erkrankungen des einen Ohres, besonders Mittelohrkatarrhe und Acusticusaffectionen, sich gern an dem bisher gesunden zweiten Ohre wiederholen. Ich erwähne ferner die Arbeiten von Wharton Jones, von Kessel und von Weber-Liel, der durch Tenotomie der Tensorsehne des einen Ohres Schwerhörigkeit und subjective Geräusche des zweiten bcseitigte, desgleichen die Beobachtungen von Berthold, der nach Durchschneidung des Trigeminus auf der einen Seite ein blutig seröses Mittelohrexsudat der nicht operirten zweiten auftreten sah. Sodann weise ich auf die Beobachtungen von Eitelberg hin, der bei ausschliesslicher Behandlung der einen Seite häufig Besserung des Hörens und von subjectiven Geräuschen auf der zweiten Seite erzielte, und auf die Arbeiten von Urbantschitsch, der sich mit den Wechselbeziehungen zwischen beiden Ohren besonders eingehend beschäftigt hat. Urbantschitsch hat auch vier Fälle veröffentlicht, in denen es gleichfalls gelang, durch die Hammerextraction des einen Ohres das andere therapeutisch günstig zu beeinflussen. Die Krankengeschichten der eingangs von mir bezeichneten Fälle sind kurz folgende; Fall 1. Frau M., 35 Jahre alt, consultirte mich im November 1899 wegen Schwerhörigkeit und hochgradig belästigender subjcctiver Geräusche. Letztere wurden auf beiden Ohren vernommen und hatten angeblich eine hohe Tonlage. Befund: Chronische hypertrophische Nasopharyngitis. Am linken Trommelfell grosse. hinten und oben bis an den Knochenrand reichende Perforation; es fehlte der hintere obere Quadrant und ein Theil des vorderen oberen, sowie ein Theil der vorderen Atticuswand. Trommelfellrest verdickt und verkalkt. Langer Ambosschenkel fehlt, Griff und Hals des Hammers gleichfalls. Mittelohr trocken. Linkes Trommelfell in eine grosse verkalkte, stark eingezogene Narbe umgewandelt, Hammergriff in Narbengewebe eingebettet und mit der Labyrinthwand in ganzer Ausdehnung verwachsen. F un et jo n sp rff fun g: Laute Flüstersprache beiderseits dicht am Ohr. Stimmgabelbefund spricht für eine Betheiligung sowohl des Schaffleitungs-wie des schallempfindenden Apparats. In den ersten Tagen des December excidirte ich das verkalkte und in Narbengewebe umgewandelte linke Trommelfell mit dem an die Labyrinthwand angewachsenen Hammer unter Cocaïnanästhesie. Unmittelbar nach der Operation wird auf dem operirten Ohre mittellaute Flüstersprache auf 2 m, nach Ablauf einiger Tage auf 4 m gehört. Gleichzeitig überraschte mich Patientin mit der Mittheilung, dass sie jetzt auch auf dem rechten Ohr besser höre. Thatsächlich ergab die Hörprülung, dass jetzt auch auf dem rechten Ohr mittellaute Flustersprache auf 4 m gehört wurde. Da dieses Ohr seit mehreren Jahren ununterbrochen hochgradig schwerhörig gewesen und von mir therapeutisch in keiner Weise beeinflusst worden war, so kann nicht daran gezweifelt werden, dass die linksseitige Hammerextraction die Hörfähigkeit des rechten Ohres in dem geschilderten auffälligen Grade gebessert hat. Die erwähnte Hörfähigkeit (beiderseits 4 m für mittellaute Flüstersprache) blieb bis heute andauernd bestehen, die subjectiven Geräusche wurden lediglich gebessert. Fall 2. Herr H., 44 Jahre alt, Beamter, trat im Februar 1900 wegen Schwerhörigkeit in meine Behandlung. B e fund: Am rechten Trommelfell etwa 2 mm grosse Perforation in der Mitte des stark getriibten Trommelfells, Mittelohr secernirt ganz spärlich schleimigen, nicht fötiden Eiter. Linkes Trommelfell stark getrübt, Hammer durch Narbengewebe an die Labyrinthwand fixirt. Funetionsprüfung: Mittellaute Flüstersprache rechts auf 2 rn, links auf 1 m (22,66), nach Anwendung des Katheters rechts auf 3 m, links auf 2 m. Weber nach links, Rinne negativ beiderseits, Hörver-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1204105 fatcat:xibow4piirfy3nh4agy2hjcdpm