Sprachliche Wohlgeformtheit – eine kritische Bestandsaufnahme

Markus Meyer
2009 Zeitschrift für Sprachwissenschaft  
Das Verhältnis zwischen Daten und Theorie lässt sich nur dann sinnvoll bestimmen, wenn die Konzepte, mit denen gearbeitet wird, auf theoretischer Seite angemessen expliziert und auf empirischer Seite angemessen operationalisiert werden. Konzepte sprachlicher Wohlgeformtheit spielen dabei eine herausragende Rolle. Ein kurzer ideengeschichtlicher Abriss sowie einige kritische Bemerkungen zu aktuellen Diskussionen sollen von theoretischer Seite aus im Folgenden Klarheit verschaffen. 1 Die Praxis
more » ... fen. 1 Die Praxis der Grammatik in der Antike war fundiert in spezifischen Annahmen darüber, welche Einheiten in der jeweils darzustellenden Sprache als wohlgeformt gelten können und welche nicht (Meyer 2006: 13 f.). Ziel war dabei die Setzung einer einzigen Sprachvarietät als Norm, so etwa im alten Europa das "reine Griechisch" (FDS: 595). Dies ermöglichte es, alle Formen von Fehlern, die aufgrund von fremden Einflüssen Ϫ sog. Barbarismen Ϫ oder mangelnden Kenntnissen der Sprache Ϫ sog. Solözismen Ϫ vorkamen, kategorisieren zu können, bspw. danach, ob Wörter ausgelassen oder Formen verwechselt wurden (FDS: 601). Sprachliche Wohlgeformtheit 2 lässt sich ausgehend davon als Zulässigkeit eines bestimmten Typs sprachlicher Einheiten explizieren. Modern gesprochen kommen zur empirischen Untersuchung derselben als quantitative Datentypen Vorkommen und Sprecherurteile in Frage (Meyer 2009). Die jeweils gezogene Grenze des Wohlgeformten ist konstitutiv im Hinblick auf die zu untersuchende Sprache: Ohne ein Konzept sprachlicher Wohlgeformtheit und folglich ohne Grenze des Wohlgeformten kein 1. Von empirischer Seite aus habe ich dies an anderer Stelle geleistet (cf. Meyer 2009). 2. Als Fundstellen werden im Grimmschen Wörterbuch genannt: "mach ein circkelrisz ..., darausz gewint di seul ein wolgefurmten bauch A. DÜRER underweysung d. messung (1525) G 4d; wolgeformte buchstaben GÖTHE I 20, 59 W.; die wohlgeformten lippen W. ALEXIS ruhe ist die erste bürgerpflicht (1852) 2, 115; ein wohlgeformter kräftiger mann J. V. WIDMANN Arnold von Brescia (1867) 33; wohlgeformte sätze AUG. WINNIG der weite weg (1932) 164." (DDG)
doi:10.1515/zfsw.2009.016 fatcat:sczbdjekrretbhymryegck2uje