Warum hat die urchristliche Gemeinde auf die Überlieferung der Judaserzählungen Wert gelegt?

Marg. Plath
1916 Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche  
Die Frage nach der Geschichtlichkeit der Person des Judas und seines Verrats ist von Schläger mit Berufung auf Marquardt, Robertson u. a. verneint worden. Wrede gibt zu, daß der weitaus größte Teil der Nachrichten des NTs über Judas schon Legende ist, glaubt aber "einen -äußerst geringen Kern des Tatsächlichen" doch annehmen zu müssen, da der Verrat des Judas als Sage ganz unverständlich wäre. Noch entschiedener tritt Heitmüller gegen die Streichung des Judas aus der Geschichte auf: er sei zu
more » ... te auf: er sei zu fest mit der christlichen Überlieferung verknüpft, und die Erdichtung dieser Gestalt, welche die Christengemeinde nur bloßstellen konnte, wäre in dieser Gemeinde, welche die Jünger fast als Heilige verehrte, ein noch größeres Rätsel. 1 Daß die Nachrichten über den Tod des Judas, die in sechs Varianten vorliegen und einander an Gräßlichkeit überbieten, ins Gebiet der Legende gehören, wird allgemein zugegeben. Abgesehen von diesen Berichten findet sich, wie Schläger einwandfrei nachweist, weder in der Apostelgeschichte noch in den neutestamentlichen Briefen, noch bei den apostolischen Vätern, in der Didache, bei Justin, Aristides, noch sonst In der altchristlichen Literatur eine nachweisbare Kenntnis vom Verrat des Judas; v. 58 des Petrus-Evangeliums schließt ihn geradezu aus. Da die Ungeschichtlichkeit der Judasüberlieferung des 4. Evangeliums allgemein anerkannt wird (vgl. besonders Wrede), so bleiben für die Geschichtlichkeit nur die synoptischen Berichte über Judas aus der Leidenszeit übrig. Aus den in ihnen vorliegenden Angaben die Geschichtlichkeit des Judas positiv erweisen zu wollen, ist weder Wrede noch Heitmüller i Schläger: Die Ungeschichtlichkeit des Verräters Judas. ZNW 1914, S. 50ff. Marquardt: Der Verrat des Judas Ischarioth -eine Sage. Heft 30 der "Kleinen Studien* herausgeg. von G.Baumeister. München, August Schupp 1900. -Robertson: Geschichte des Christentums 1910. -Wrede: Judas Ischarioth in der urchristlichen Oberlieferung.
doi:10.1515/zntw.1916.17.3.178 fatcat:paugejlt65civkec3drpgm2rd4