Fortschritte in der gynäkologischen Praxis

1910 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Fortsehritte und Neuerungen, welche die letzten Jahre der (ynäkologie gebracht haben, beziehen sich nicht allein auf die operativen Verfahren, sondern betreffen auch in mancherlei Hinsicht die sog. kleine Gynäkologie. In dieser, deren Ausübung zu einem nicht unbeträchtlichen Teile in der Hand des praktischen Arztes liegt, haben sich unsere Anschauungen bezüglich der Therapie in mannigfacher Weise geändert und vervollkommnet, sodaß es nicht unzweckmäßig erscheinen dürfte, einige neue
more » ... ge neue Gesichtspunkte in technischer und medikamentöser Beziehung hier hervorzuheben. Ich bin deshalb einer diesbezüglichen Aufforderung der Redaktion dieser Wochenschrift gern gefolgt. Bei gynäkologischen und geburtshilflichen Operationen kommt die Anwendung der Gummihandschuhe zur Erhöhung der Asepsis infolge der Ausschaltung der Hände mehr und mehr in Aufnahme. Mindestens von derselben Wichtigkeit ist es jedoch, in der täglichen Praxis dafür zu sorgen, daß die Tageshand des Arztes nicht zu einem Receptaculum für Keime aller Art wird, die dann auch durch nachträgliche Desinfektion nur schwer entfernt werden können. Gerade die gynäkologische Exploration bietet vielfach Gelegenheit zur Beschickung der Hand mit infektiösen Keimen. Wie leicht kann sich unter einer scheinbar harmlosen Anamnese ein jauchendes Karzinom oder ein septischer Abort verbergen, sodaß eine innige Berührung des infektiösen Materials bei der Untersuchung stattfinden würde. Die Imprägnierung der Hand mit Streptokokken wird um so bedeutungsvoller, wenn der Praktiker kurze Zeit darauf eine Entbindung übernehmen muß oder etwa ein in die Vagina oder die Cervix geborenes submuköses Myom untersucht. De Uebertragung der Keime von einem Fall zum andern kann von den allerschwersten Folgen begleitet sein. Noch in anderer Beziehung sind die Finger des gynäkologischen Untersuchers nicht unerheblich gefährdet. Ein syphilitischer Primäraffekt an den Genitalien, breite Kondylome am Damm können eine spezifische Fingerinfektion zur Folge haben. Gegen alle diese Eventualitäten schützt sich der Praktiker, wenn er rinzipiell die gynäkologische Exploration nur mit der mit einem Gum mihandschuh bekleideten Hand unternimmt oder wenigstens einen Gummischutz anwendet, der die explorierenden Zeige-und Mittelfinger bedeckt und mit einer kleinen Manschette siçh vor den Damm legt. Die Feinheit des Tastgefühles wird dadurch anfangs nur unbeträchtlich, später bei einiger Uebung so gut wie garnicht verringert. In der Behandlung der Katarrhe machte man früher am meisten von Spülungen der verschiedensten Art Gebrauch. Die Wirkungsweise der Spülungen besteht im wesentlichen im mechanischen Fortschaien des augenblicklich vorhandenen Sekretes, während eine wirkliche Beeinflussung des Gewebes im Sinne einer Umstimmung oder einer Desinfektion desselben, insbesondere einer Tiefenwirkung, bei dem festen Epithelüberzug aer Vagina mehr oder weniger illusorisch erscheint. Wirkungsvoller erwiesen sich in der Behandlung der Katarrhe das Auswischen und Austupfen der Vaginalwand mit Wattepinseln, die mit adstringierenden oder desinfizierenden Lösungen getränkt waren; jedoch waren auch hiermit die Erfolge begrenzt und häufig erst nach langdauernder Behandlung zu erzielen. Sehr viel aussichtsreicher erschien es, als Th. Landau eine Art antagonistischer Therapie in Form der Hefebehandlung des weiblichen Fluors empfahl, deren Wirkung nach ihm dadurch zustande kam, daß die Hefezellen, die Vaginalkeime überwucherten, ihnen den Nährboden entzogen und durch ihre Stoffwechselprodukte sowohl die Keime töteten, als auch die chemische Reaktion des Nährbodens umstimmten. Wenn auch diese mehr theoretischen Erwägungen sich DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. O vor dem Experiment als nicht zutreffend erwiesen ------nach den neuestn Untersuchungen ist die Frage nach der Natur des bakteriziden Agen der Hefe noch unaufgeklärt -so ist doch die Tatsache unbestreitbar, daß die Hefe in hohem Maße bakterizid wirkt und in der Behandlung der infektiösen Vaginalkatarrhe mit Vorteil angewandt wird. Eine große Reihe derartiger Hefepräparate sind zu diesem Zwecke angegeben worden, ich nenne die sterile Dauerhefe, das Zymin, das Rheol und andere, die sich alle als mehr oder weniger brauchbar bewährt haben. Neuerdings hat A b rah a m die Xerase, in Pulverform und in Kapseln, empfohlen, ein Mittel, welches aus Hefe, Bolus, Zucker und Nährsalzen zusammengesetzt ist. Die günstigen Erfahrungen des Autors mit diesem Präparat kann ich durchaus bestätigen. Die Anwendung geschieht derart, daß nach Reinigung und Austrocknung der Vagina 2-5 g des Pulvers eingeblasen werden resp. eine Kapsel vor die Portio gelegt und mit einem Wattetampon fixiert wird. Der Tampon wird nach 24-48 Stunden entfernt, worauf eine Spülung sowie unter Umständen eine Wiederholung der Behandlung zu erfolgen hat. In vielen Fällen genügt es auch, zur Behandlung des vaginalen Fluors ein mehr indifferentes Pulver in die Vagina zu bringen, dessen Wirkung dann darin besteht, das Sekret im Augenblick seines Entstehens aufzusaugen und die Vagina dauernd trocken zu halten, sodaß durch die ständige Entziehung von Wasser und Nährstoffen die Entwicklung der Keime gehindert wird. In diesem Sinne sind folgende Präparate zu empfehlen: das Lenicet, eine pulverisierte essigsaure Tonerde, pulverisierte Bolus alba, welche infolge ihrer Kapillarität Flüssigkeit in sehr erheblichem Maße anzieht, der pulverisierte Gips, welcher chemisch in sehr lebhafter Weise Flüssigkeiten bindet. Alle diese Pulver bringt man entweder mit einem Pulverbläser ein -eine zweckmäßige Konstruktion stammt von Nassauer -oder führt sie in Ermangelung dessen mit einem Wattepinsel im Milchglasspeculum in die Vagina. Erforderlich ist es stets, vor Applikation (les Pulvers die Vaginaiwand vom vorhandenen Sekret zu befreien. In ähnlicher Weise austrocknend und unter Umständen bakterientötend wirkt die wiederholte Tamponade der Scheide mit Jodoformoder Vioformgaze. Als Nachteil dieser Methode ist zu betonen, daß nach etwas länger dauernder Anwendung der Epithelüberzug der Schleimhaut leidet und dadurch ein gewisser Reizzustand, der mit kleinen Blu. tungen einhergeht, resultiert. Im Anschluß hieran möchte ich einige neuere Prinzipien der tonorrhoebehandlung erwähnen. Handelt es sich, wie gewöhnlich in frischen Fällen um eine Erkrankung der Urethra, ev. des Introitus, ohne daß tiefere Partien der Vagina in Mitleidenschaft gezogen sind, so genügt es meist, durch einfache Bettruhe und Diät ohne örtliche Behandlung die Erkrankung zum Abheilen zu bringen. In subakuten oder chronischen Fällen ist es aber erforderlich, aktiv gegen die Erkrankung vorzugehen. Hierbei sind Spülungen zu vermeiden, denn diese sind imstande, das gonorrhoische Sekret in höhere Abschnitte des Genitalkanals hinaufzubringen. Die Behandlung hat vielmehr darin zu bestehen, daß man die Urethral-Gonorrhoe durch mehrfaches Einlegen von Protargol oder Isuralstäbchen zur Heilung bringt, während man zu gleicher Zeit eine Pulverbehandlung der Vagina in Angriff nimmt. Neben den oben gegen Katarrhe erwähnten Mitteln hat sich hierbei auch das Isoform bewährt, für dessen Wirksamkeit besonders Asch eingetreten ist. Hat die Gonorrhoe die Zervixschleimhaut erreicht, so muß sie durch mehrfaches Einlegen von Aetzstäbchen zur Abheilung gebracht werden. Besonders empfehlenswert sind hier ebenfalls Protargolbazillen oder eine Mischung von Zink und Alaun zu gleichen Teilen. Die Aetzstäbchen werden im Simonschen Spekulum in Intervallen von 5-8 Tagen eingeführt. Hat die Gonorrhoe den inneren Muttermund überschritten und das Corpus uteri ergriffen, so ist von jeder lokalen Behandlung Abstand zu nehmen, um vor allem das Uebergreifen auf die Tuben und auf das Bauchfell zu vermeiden. Handelt es sich um derartige Zustände, so kommen bei chronischen Erkrankungen mehr allgemein therapeutische Vorschläge in Betracht, unter denen besonders die weiter unten zu besprechende Heißlufttherapie und Badekuren empfehlenswert sind. Die alte, vielfach in Anwendung gezogene Behandlung, durch Einlegen von Glyzerintampons mit einem Zusatz von Ichthyol, Thigenol oder Jod entzündliche Vorgänge in der Umgebung des Uterus zu beeinflussen, hat nur einen bedingten Wert. Das Glyzerin nämlich führt zwar zu einer lebhaften Ansaugung von Flüssigkeit aus der Umgebung der Vagina, die ihm beigemischten medikamentösen Zusätze kommen aber infolgedessen garnicht zur Wirkung, da sie nicht resorbiert werden. Beabsichtigt man also, ein Medikament zur Resorption kommen zu lassen, so muß man es mit einem anderen Konstituens versehen. Als solches etwa ein Fett, wie z. B. Butyr. Kakao zu verwerten, ist nicht zweckmäßig, da Fette von der Vaginalschleimhaut nur sehr wenig resorbiert werden. Empfehlenswert dagegen ist es, das Arzneimittel mit Vasogen zu mischen, da dann die Resorption in vollkommener Weise vor sich geht. Es ist allerdings dazu erforderlich, vor der Applikation das Vasogen Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1143284 fatcat:u4rhvp6tyzd2zlgdv7cu53lq7m