Zwei Gedenkschriften zu D. Fr. Strauss' hundertstem Geburtstage

Bruno Bauch
1909 Kant-Studien  
Man spricht heute vielfach von einem Erstarken des religiösen Bewusstseins. Ob mit Recht, das könnte erst entschieden werden, wenn man sich über den Begriff des religiösen Bewusstseins verständigt hätte. Es könnte sonst leicht der Fall eintreten, dass man etwa den in der letzten Zeit gesteigerten Terrorismus und die Machtgelüste, mit denen Rom in einer noch nie ttberbotenen und früher nicht oft erreichten, jetzt aber neu erstarkten Tyrannei die Gewissen zu knechten sucht und damit zugleich die
more » ... damit zugleich die schwächliche Fügsamkeit seiner Hörigen seltsamerweise auch für ein Erstarken des religiösen Bewusstseins hielte. Wem aber die Religion nichts Geringeres bedeutet, als das Bewusstsein des Menschen von seiner sittlichen Bestimmung, und wem diese Bestimmung allein in der Autonomie der Persönlichkeit vollziehbar ist, dem kann die Tyrannei Roms und die klägliche Unterwürfigkeit seiner Geistesgefolgschaft gerade bloss eine Schwächung und Verzerrung der Religion bedeuten. Ob nun einer solchen durch die Autorität erstrebten Verkümmerung der freien Selbstbestimmung in unserer leisetreterischen Zeit eine wahrhaft wirksame und energievolle Tendenz zur Autonomie erfolgreich entgegensteht, das pflegen Pessimisten zu bezweifeln. Aber trotzdem -wir hoffen mit Kant auf den "Sieg des guten Prinzips über das Böse" in dem Kampfe zwischen "Religion und Pfaffentum", Und wer je in seiner Zeit mit Nachdruck und Energie diesen Kampf gekämpft, der hat es nicht bloss für seine Zeit getan. Er hat der Vernunft und dem Guten auch für die Zukunft gedient. Mag die spätere Zeit auch sonst zu ihm stehen, wie sie wolle, für diesen Dienst wird sie ihm ihren Dank zu zollen haben. Das rechtfertigt es auch, dass die Gegenwart mit ihrem Interesse zurückgelenkt wird auf jene Gestalt, von der ein Freundeswort bedeutsam dahin verlautete, dass sie einen Teil der geistigen Welt ihrer Zeit "in ihrem Grunde erschütterte und weit über deren Umfang hinaus die Geister bewegte," auf: David Friedrich Strauss. Sein hundertster Geburtstag bildete die Veranlassung dazu, dass uns zwei Schriften über ihn beschert wurden, an denen die Kant-Studien nicht achtlos vorübergehen sollen.
doi:10.1515/kant.1909.14.1-3.68 fatcat:agzwqnxk75hbhosdkgoq6oksaa