Žemlička, Josef: Království v pohybu. Kolonizace, města a stříbro v závěru přemyslovské epochy [Königreich in Bewegung. Kolonisierung, Städte und Silber am Ende der přemyslidischen Epoche]

Martin Nodl
2019
Wihoda, Martin: První česká království [Die ersten böhmischen Königreiche]. Nakladatelství Lidové noviny, Praha 2015, 440 S., ISBN 978-80-7422 -278-8. Das Kernthema seines neuesten Buches fasst Martin Wihoda am Ende seiner in Anlehnung an Ernst H. Kantorowicz mit dem Titel "Dvě těla krále" (Die zwei Körper des Königs) überschriebenen Einleitung in einigen Fragen zusammen: Welcher Natur waren die ersten böhmischen Königreiche -selbstbewusst-charismatisch oder pragmatisch-titular? Und falls die
more » ... ar? Und falls die zweite Variante zutrifft: Warum fanden sich die Přemysliden mit einer untergeordneten Stellung ab? Mussten sie sich möglicherweise eingestehen, dass die Gesellschaft, also die adelige und geistliche Machtelite, mehrheitlich Werte vertrat, die mit der Idee eines sakralisierten Königreichs nicht vereinbar waren -und dass damit die königliche Krone für die Přemysliden einen ausschließlich privaten Charakter haben würde? Dies sind keine vollkommen neuen Fragen, ähnliche Themen wurden in den letzten Jahren nicht nur in der tschechischen, sondern verstärkt auch in der polnischen Mediävistik behandelt. Und natürlich beruhen sie im Kern auf Debatten über den sakralen Charakter des Königtums, die im deutschen Sprachraum eine langjährige Tradition besitzen. Man muss jedoch zugestehen, dass der deutsche mediävistische Diskurs (bis auf Ausnahmen) in dieser Hinsicht das böhmische Königreich unberücksichtigt ließ und dass in der traditionellen Interpretation nach wie vor ein eher staatsrechtliches Verständnis von den böhmischen Herrschern -egal ob Fürsten oder Könige -als Vasallen des römisch-deutschen Kaisers dominiert. Am weitesten hat sich bisher Gerd Althoff von dieser Sicht entfernt, der in seinen Analysen der rituellen Praktiken als Bestandteil der herrschaftlichen Machtrepräsentation auch auf einige Aspekte des böhmischen Milieus des 11. bis 13. Jahrhunderts hinwies. Dank der Kenntnis dieser heute überaus lebhaften Debatten ließ sich Wihoda weder zu einer rein anthropologischen noch zu einer verengten theologischen Deutung der Majestät des Königs verlocken und legt mit seinem Buch im Gegenteil eine sehr komplexe Interpretation der Entstehung des böhmischen Königreichs vor. In der Forschung außergewöhnlich ist bereits die Verwendung des Plurals im Titel des Buches. Die an die přemyslidischen Fürsten Vratislav, Vladislav und Přemysl Ottokar verliehenen Privilegien untersucht Wihoda nämlich separat unter Betonung ihrer zeitlichen Hintergründe. Natürlich tendiert er am Ende zu Verallgemeinerungen. Diese leitet er jedoch aus der Analyse der spezifischen sozialen und politischen Situationen ab, die zur Verleihung der Königswürde an die drei so unterschiedlichen Přemysliden führten. Bei der Lektüre ist zudem zu beachten, dass der Verfasser an sein vorheriges Werk Bohemia 58 (2018) 1, 156-201
doi:10.18447/boz-2018-4388 fatcat:kzarwinxbnfvzmygmhovmvveae