Das Einfache ist nicht das Simple, sondern ist das Komplexe, das sich nichts anmerken lässt

2014 PrimaryCare  
Die Supervisionsgruppe von acht AerztInnen hat sich im Sprechzimmer hingesetzt. Frau Dr. K.B. führt ihren Patienten herein. Ich pflege vor dem Interview, das ich vor der Gruppe führe, jeweils nur Name und Alter der Kranken zu erfragen. Damit bleibe ich unvoreingenommen. Es ist der 26. November 2013. Herr R. ist ein stattlicher Mann von 54 Jahren. Er stammt aus Ex-Jugoslawien und ist seit über 30 Jahren in der Schweiz. Er ist ergraut und sieht altersentsprechend aus. Herr R. trägt eine
more » ... rägt eine Lederjacke. Er begibt sich nicht sofort zum angebotenen Stuhl, sondern schreitet die Reihe der Anwesenden ab und reicht allen die Hand. Dann setzt er sich. Auf meine offene Frage, ob er sich bequem genug fühle, um mit mir 20 Minuten zu sprechen, antwortet er «ja». Er legt seine Jacke nicht ab, obwohl es im Zimmer warm ist und äussert spontan, seelisch sei er in Ordnung, seine Hand sei das Problem. Seine linke Hand zeigt das Vollbild der Sudeck'schen-Atrophie, heute Complex Regional Pain Syndrome genannt. Die Aetiologie und Pathogenese sind unbekannt. Der Sudeck ist eindeutig. Die Behandlung der ursprünglichen Verletzung wurde richtig durchgeführt: Operation des Metacarpale V links mit Kirschnerdrähten, schmerz-und entzündungshemmende Medikamente, Physio-und Ergotherapie. Später, nach Entwicklung des CRPS auch Sympathikusblockade. Das klingt einfach. Gibt es zu dieser simplen Kurzgeschichte -oder kurzen Geschichte -, wie Franz Hohler differenziert, Anhaltspunkte fürs Komplexe? Ja: Es ist unüblich, dass ein Patient von Arzt zu Arzt schreitet zum Handshake. Gewöhnlich begibt er sich sofort zum angebotenen Sitzplatz fürs Gespräch. Seine Offenheit lässt eine gute Beziehung erwarten. Ausser man berücksichtigt, dass es die Seele liebt, in einer Handlung, in einem Gedanken, auch das
doi:10.4414/pc-d.2014.00570 fatcat:5kwkt4a3srf37msasja4vqrwzu