Schwachsinn und ethische Degeneration

1912 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Hannover. lin Jahre 1896 hatte ich 500 mir zur Verfügung gestellte Lazarett-Krankenblitter durchgearbeitet, welche zur Beobachtung auf Schwach-Sinn ifl die Lazarette aufgenommene Leute betrafen. Diese 500 Krankenblätter stammten vorn XII Armeekorps und verteilten sich auf einen Zeitraum von zehn Jahren. In allen Fällen handelt es sich um leichtere Grade von Schwachsinn, denn Leute, die ausgeprägt schwachsinnig sind, werden aus naheliegenden Gründen beim Milithr nicht eingestellt, sie sind
more » ... stellt, sie sind auch gewöhnlich dem Gemeindevorsteher etc. bekannt und werden von ihm beini Einstellungsgeschäft namhaft gemacht. Ein nicht sehr hochgradig Schwachsinniger wird auf dem Lande, wo er nur körperliche Arbeit ausführt, seinen Dorfbewohnern kaum auffallen. Im militärischen Leben wird aber von ihm ein gewisser Grad von Intelligenz, Selbstzucht etc. verlangt, und dann versagt auch der nicht hochgradig Schwachsinnige. Die aus den Krankenblättern gewonnenen Erfahrungen konnte ich im Jahre 1897 nicht veröffentlichen, aus Gründen, deren Erörterung an dieser Stelle kein Interesse haben würde. Wenn nun auch in der inzwischen verflossenen Zeit die Literatur, und namentlich die militärärztliche, vieles über die leichten Formen des Schwachsinns gebracht und aufgeklärt hat und wenn ich auch dem geschulten Psychiater durch das Nachfolgende nichts Neues bieten werde, so möchte ich doch das damals gesammelte Material nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen. Aus den mir zur Verfügung gestellten Krankenblättern habe ich nur die Fälle herausgesucht, in welchen die Diagnose auf Schwachsinn mit positiver Sicherheit zu stellen war, alle zweifelhaften Fälle ließ ich fort. Es blieben mir auf diese Weise 444 Krankenblätter, aus welchen ich alle für die Diagnose Schwachsinn resp. moralischer Schwachsinn mir wichtig erscheinenden Symptome herauszog. Durch die Zusammenstellung dieser Symptome ließen sich drei Gruppen von Kranken unterscheiden: Gruppe I betraf Leute, bei welchen nur ein intellektueller Defekt vorhanden war, Gruppe II solche, bei welchen der Defekt vorwiegend in ethisch-moralischer Beziehung hervortrat, zugleich aber auch ein intellektueller Defekt deutlich nachgewiesen werden konnte, Gruppe III endlich solche, bei welchen es sich nur um einen ethischmoralischen Defekt handelte, während der Intellekt unberührt war. Die nachfolgenden Tabellen enthalten die Symptome, welche diese drei Gruppen von Schwachsinnigen zeigten, und zwar sind in Tabelle I die auf die Vorgeschichte bezüglichen Symptome zusammengestellt, Tabelle II enthält die bemerkten äußeren Degenerationszeichen und Tabelle Ill die während der Dienstzeit aufgefallenen geistigen resp. nervösen Degenerationszeichen. lin die Tabellen nahm ich auch die Krankheitszeiehen mit auf, welche sieh in den Krankenblättern nicht häufig fanden, welche mir aber für die Diagnose Schwachsinn resp. DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOOtIENSORRIFT. 1505 moralischer Schwachsinn von Wichtigkeit zu sein schienen und welche, wenn alle Aufzeichnungen von geschulten Psychiatern gemacht worden wären, auch wohl häufiger vermerkt sein würden.
doi:10.1055/s-0029-1189718 fatcat:zwdhpb3iejda3ojrkg2zi5tqlq