Wahlforschung in Deutschland: Weitreichender Konsens als Bremser innovativer Erklärungen? Ein Rezensionsessay

Rainer-Olaf Schultze
2014 Zeitschrift für Parlamentsfragen  
Wahlanalysen gehören zum Kernbestand politikwissenschaftlich-soziologischer Forschung . Sie können sich nicht nur zu Wahlzeiten eines besonderen Interesses sicher sein -und zwar unabhängig von der Zielsetzung, die sie verfolgen (angewandte Demokratieforschung und Politikberatung versus Grundlagenforschung), und vom Adressatenkreis, den sie ansprechen (politisch interessierte Öffentlichkeit und politische Akteure versus scientific community) . Die unterschiedliche Ausrichtung hat Konsequenzen
more » ... hat Konsequenzen für Themenwahl und Fragestellungen, die in den Untersuchungen behandelt werden, für die Wahl des Abstraktionsgrades, aber auch für das Publikationsmedium und das Erscheinungsdatum . Insofern kann mancum grano salis -drei Typen unterscheiden: (1) Analysen des Wählerverhaltens, überwiegend deskriptiv und auf einfachen Korrelationszusammenhängen basierend, die sich an die politisch interessierte Öffentlichkeit richten; sie werden zunächst vor, am und nach dem Wahltag von den Instituten, beispielsweise von der Forschungsgruppe Wahlen oder von Infratest dimap, und unter journalistischer Mitwirkung beziehungsweise Mitverantwortung in den elektronischen und Printmedien veröffentlicht, sodann zeitnah als "Wahlreport" oder als "Bericht" 1 und später in erweiterter Fassung als wissenschaftlicher Aufsatz in Zeitschriften oder Sammelbänden publiziert . (2) Sammelbände, vielfach auf Konferenz-Beiträgen basierend, die zumeist im Folgejahr nach der Bundestagswahl vorliegen; sie richten sich gleichfalls an eine größere Öffentlichkeit und zielen insbesondere auf die politische Akteurs-, Kommentatoren-wie wissenschaftliche Fach-Öffentlichkeit; sie sind thematisch breiter angelegt, nehmen den Wahlprozess als Ganzes in den Blick und fragen -bei je nach Herausgeber(n) allerdings unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen -nach Voraussetzungen und Konsequenzen von Wahl und Wählerverhalten, vor allem auch für die Parteien(system)entwicklung, die Regierungs-und Koalitionsbildung wie den Policy-Wandel . Bezogen auf die vorangegangene Wahl von 2009 legten solche Bilanz-Bände unter anderem Eckhard Jesse und Roland Sturm vor, die "Voraussetzungen, Ergebnisse, Folgen" (so der Untertitel) thematisieren, Karl-Rudolf Korte mit "Analysen der Wahl-, Parteien-, Kommunikations-und Regierungsforschung", Heinrich Oberreuter, der den Wandel von Wahlfunktionen, Wählerverhalten, Parteien und Koalitionen unter dem schönen Titel "Am Ende der Gewissheiten" in dem von
doi:10.5771/0340-1758-2014-1-231 fatcat:575m2odcyjdifftkdw45qlnjha