Bericht über die Prüfung von "Bayer 205" in Afrika1)

F. Kleine, W. Fischer
1922 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Trypanosomenerkrankungen alle früher erprobten weitübertrifft. Erfahrungsgemäß stimmen aber die Resultate von Laboratoriumsexperimenten oftmals nicht überein mit den Ergebnissen unter natürlichen Bedingungen. So hatten wir z. B. mit den verschiedenen Ehrlichschen Mitteln gegen Schlafkrankheit bei weitem nicht die Erfolge, die zu erhoffen E h r 1 i c h s Laboratoriumsforschung uns berechtigte. Auf die Gründe einzugehen, erübrigt sich hier. Da einige der afrikanischen Trypanosomenkrankheiten (die
more » ... menkrankheiten (die Nagana der Rinder, Pferde usw., die Schlafkrankheit des Menschen) eine wirtschaftliche Bedeutung haben, wie kaum eine andere Seuche in der ganzen Welt, so beauftragten uns die Elberfelder Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer & Co., in Afrika selbst unter den natürlichen Verhältnissen die Wirksamkeit ihres Medikaments zu studieren. Die englische Regierung gestattete, daß wir unsere Versuche in Rhodesia ausführten. Als geeigneter Platz wurde uns die etwa 500 km von Broken Hill nordöstlich gelegene kleine Regierungsstation Mpika in Nord-Rhodesien genannt. Von dort gingen wir aber noch 50 km weiter bis zu dem Dorfe Ndombo, in dessen nächster Umgebung wir in reichlicherer Menge Tsetsefliegen (Glossinen) fanden, die Ueberträger der Nagana und der menschlichen Schlafkrankheit. Wir beabsichtigten, Bayer 205 besonders nach 3 Richtungen zu prüfen: nach seiner Heilwirkung bei der Schlafkrankheit des Menschen, seiner Heilwirkung bei der Tsetsekrankheit des Viehs und seiner vorbeugenden Wirksamkeit bei der Verhinderung dieser Seuche. -. Ferner sollte untersucht werden, ob bereits infektiöse Fliegen, die auf einem mit 205 behandelten Tier gesogen haben, danach ihre Infektiosität verlieren und -sofern dies nicht der Fall -ob in Fliegen, in denen die Entwicklung der Parasiten begonnen hat, der Entwicklungsgang durch das Saugen am behandelten Tier eine Unterbrechung erfährt, sodaß solche Glossinen nicht mehr infektiös werden. Die Prophylaxe der Nagana ist von besonderer Wichtigkeit. Es gibt in Afrika viele Länder und Plätze, wo eine rationell betriebene, Viehwirfsthaft nur deshalb unmöglich wird, weil sie von einem sogenannten fly-belt, einem mehr oder weniger breiten Fliegengürtel umgeben sind. Die Landstriche selbst sind gesund, aber fast alle Rinder, die dort etwa zur Verbesserung der Zucht eingeführt werden, oder die man zum Verkauf von dort wegtreibt, erkranken, wenn sie den todbringenden Fliegengürtel durchschreiten Hieraus erhellt, welche Bedeutung es hat, die Erkrankung 'auch nur auf eine bestimmte Zeit verhüten zu können. Versuche dazu sind, insbesondere mit Arsenpräparaten, verschiedentlich unternommen. Wir selbst führten einmal früher 5 Esel vom Viktoriasee durch einen Fliegengürtel mit uns zum Tanganykasee. Drei von den Tieren erhielten täglich eine bestimmte Menge Arsen mit dem Futter, die beiden übrigen dienten als Kontrollen. Als wir am Tanganyka anlangten, waren die drei mit Arsen gefütterten gesund geblieben -aber auch die beiden Kontrollen. Wir verlängerten das Experiment in einem Fliegenfeld mft dem Ergebnis, daß nunmehr alle 5 Esel starben. Hieraus geht erstens hervor, daß Arsen in der von uns geübten Dosierung die Erkrankung nicht verhinderte, und ferner, daß Tiere, die, ohne infiziert zu werden, einen Fliegengürtel passieren, deshalb keineswegs gegen Nagana geschützt zu sein brauchen. Nur zufälligerweise sind sie auf dem Wege von keiner infektiösen Fliege gestochen. Die Zahl der infektiösen Fliegen ist nicht groß. Bei unsern künstlichen lnfektionsversuchen am Viktoriasee und am Tanganyka konnten wir in der Regel nur wenige Prozent von Fliegen durch Fütterung an kranken Tieren infektiös machen. Wollten wir die prophylaktische Wirksamkeit von Bayer 205 beweisen, indem wir vorbehandelte Tiere in einem Fliegerifeld hielten, 1) Der Bericht wurde am 20. V. 1922 abgeschlossen. so müßten wir eine größere Menge solcher Tiere und sehr viele Kontrollen in dem Versuch verwenden, um sichere Resultate zu erlangen. Ein solches Experiment verbieten hier -abgesehen von den Kosten -die äußeren Umstände, z. B. auch der in Tsetsegegenden gewöhnliche Viehmangel. Anstatt unsere Tiere -Affen, Rinder, Ziegen usw. -in ein Fliegenfeld zu schicken, beschlossen wir, in unserem Versuchslager viele Hunderte gefangene Tsetsefliegen (al. mors.) auf ihnen saugen zu lassen. So wurde das Eintreten einer Infektion vom Zufall unabhängig, und es bedurfte bei diesem Vorgehen verhältnismäßig weniger Versuchstiere; außerdem konnten wir mit dieser Methode die zeitliche Dauer der Schutzwirkung ziemlich genau ermitteln. Die Heilwirkung des Medikaments prüften wir in gleicher Weise, d. h. an Tieren, die wir durch das Ansetzen von Glossinen krank gemacht hatten. Die zur Fütterung am Säugetier bestimmten Fliegen hielten wir, wie früher an anderer Stelle beschrieben, in 10 cm hohen, 6,5 cm breiten Gläsern mit abgeschliffenem breiten Band, die wir von F. und M. Lautenschläger bezogen. Die Oeffnung des Glases ist mit Gaze verschlossen, durch die die gefangenen Glossinen beim Saugen hindurchstechen. Das Fangen und Ansetzen der Tsetsefliegen erfordert viel Zeit, und derartige Versuche konnten deshalb nur in einem beschränkten Umfange stattfinden. Um nicht ungenützt Zeit zu verlieren, unternahmen wir inzwischen zahlreiche orientierende und ergänzende Experimente, bei denen wir zur Infektion nicht Glossinen, sondern Trypanosomen benutzten, die dem Blut natürlich infizierter Tiere direkt entstammten oder nur ganz wenige Säugetierpassagen durchgemacht hatten. Von solchen Parasiten dürfen wir erwarten, daß sie in ihren biologischen Eigenschaften noch gar nicht verändert sind, im Gegensatz zu jenen oft viele Jahre lang im Tierkörper fortgezüchteten Trypanosomen, deren man sich in den Laboratorien Europas bedienen muß. Die Trypanosomen, mit denen wir arbeiteten, waren Tr. brucei, Tr. rhodesiense, Tr. bovis (vielleicht identisch mit Tr. vivax, Tr. cazalboui) und Tr. caprae. Die beiden ersten Arten sind von großer Wichtigkeit. Das Tr. brucei ist der Erreger der Nagana, das Tr. rhodesiense verursacht jene Abart der Schlafkrankheit, die man in Rhodesia ttifft. Für identisch können wir beide Trypanosomenarten bis jetzt nicht halten, weil die Verbreitungszonen der beiden Seuchen sich durchaus nicht decken, und im Hinblick auf M. Tautes zahlreiche negative Versuche, das Tr. brucei auf Menschen zu übertragen. Als Versuchstiere benutzten wir in erster Linie eine größere Menge -bisher über 180 -Affen. Die Affen (Cercopith. ruf ovir.) , sind für Schlafkrankheit wie Nagana äußerst empfänglich, aber anderseits unter den natürlichen Bedingungen der Freiheit so gut wie nie infiziert, selbst in Gegenden, wo es von Tsetsefliegen wimmelt. In unserem Versuchsiager konnten wir bei der Nähe der Glossinen in der Nachbarschaft nicht immer mit Sicherheit vermeiden, daß einzelne Fliegen von Besuchern des Lagers dorthin verschleppt wurden. Ist es doch eine bekannte Gewohnheit der .Olossinen, auf dem Rücken von Mensch oder Tier sitzend stundenlang sich weitertragen zu lassen. Unter diesen Umständen war es äußerst wertvoll für uris, über Tiere zu verfügen, die zufälligen Infektionen nicht ausgesetzt sind. Affen sind sehr aufmerksam und verscheuchen sofort jede Tsetsefliege, die ihnen naht. Die Insekten selbst ziehen ihrerseits aber auch das Blut von Rindern und Hunden dem der Affen vor. Vielleicht ist ihnen der Geruch der Affen unangenehm. Die bei den Experimenten an Affen gesammelten Erfahrungen verwendeten wir bei der Behandlung anderer Tiere. Unsere Versuche begannen im Januar dieses Jahres. Versuche an Affen. Therapie: Es liegt auf der Hand, daß bei einem Medikament, das per os prompt wirkt, diese Anwendungsweise vor jeder anderen große Vorzüge hat. Wir beobachteten an Affen (Cercopith. rufovir.) -ihre Fütterung mit Schlundsonde bietet keine Schwierigkeiten -, daß nach Darreichung von 0,25 g Bayer 205, in Wasser gelöst, die Trypanosomen (Tr. brucei und Tr. rhodesiense) nach 48 Stunden aus dem Blut verschwunden sind. Nach 24 Stunden haben sie meist ihre Beweglichkeit eingebüßt und sind nicht mehr infektiös. Bisweilen genügt eine einzige Dosis, um Nummer 51 Freitag, den 22. Dezember 1922 48. Jahrgang Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1136308 fatcat:fgu5yandl5b37mnzay6mzjl2mq