Zur Statistik der Lebererkrankungen im Zeitraum von Januar 1914 bis März 1922

Inez Müller
1922 Klinische Wochenschrift  
835 Bei zwei unter unseren ioo F~llen haben wir eine beschleunigte lViethylellblauansscheiduilg durch die Gatle beobachtet, ohne dab objektive Ailhaltspunkte ffir eiile SchAdiguilg des Leberparenchyms bestallden. In dem einen Falle handelte es sich um einen 58j~hriger} Mann mit gastralgieAhnlichen Beschwerden ohne objekfiven Befund. Wir mfissen es often lassen, ob hier nicht doch okknlte, vielleicht durch eine Cholelithiasis oder durch InvolutioilsvorgAnge bedingte Parellchymalterationen der
more » ... alterationen der ISeber bestanden haben, t)er andere Fall betrifft einen 25jAhrigen Patienten mit lang anhaltender starker I-[Amaturie beider Nieren ullgekl~rter (tuberkul6ser ?) Atiologie und sekuildArer AiiAmie. Auch bier kailn eine latente Lebersch~digung durch den Krankheitsprozeg direkt oder sekundi~r nicht ohne weiteres ausgeschlosseil werden. Ferller ist bier auch an die M6glichkeit zu denken, die auch LEPXHNE alldeutet, dab vielleicht infolge der NierellschAdigung die Methylenblauausscheiduilg durck die Leber kompeilsatorisch gesteigert werdeil kann. Scheiden wir abet selbst diese beiden FAlle aus der zusammeilfassellden Betrachtuilg aus, so erscheint uns, ohne dab wir zu der Frage der diagilostischen Verwertbarkeit der Methyleilblau-Chromocholoskopie als Indicator yon Leber-sch~digungen vorlAufig endgfiltige Stelluilg nehmen wollen, durch unsere Uiltersuchungen jedeilfalls die Tatsache gesichert, dab bei Pareilchymerkrankungen der Leber die Methylenblailausseheidullg durch die Galle in der Regel erheblich rascher als bei der gesuilden menschlichen Leber erfolgt, dab also die kranke Leberzelle sich in einem Zustande gesteigerter "Permeabilith't" ]~r Methylenblau be]indet. Die geringe Kenntnis fiber die Frage der Farbstoffverteilung im lebenden K6rper, fiber die PermeabilitAt der Zellen, die Farbstoffspeicherung uild Farbstoffausscheidung unter llormalen uild pathologischen Bedinguilgeil 1Agt es mii~ig erscheinen, die bei der beschleulligten Methyleilblauausscheidung durch die Galle sich abspielenden Vorg~ilge im einzelilen zu diskutieren. Was wir aus lleueren Untersuchungen (vgl. HOBER) ulld insbesondere aus den Arbeiteil der EMBDXNschen Schule (EMBDEN und ~[0LLER, LANG~ und M~JLLER, LANGE und SIMON) fiber die Permeabilit~t des Muskels wisssen, zeigt, dab die PermeabilitAt der Zelle im Zusammenhang mit der Fuilktion der Zelle steht, dab mit der ErschSpfung der Zelle uild mit der Knderung der O-Atmosphere die PermeabilitAt z. B. {fir Phosphors~ure ansteigt und dab sch~digende Einwirkungen wie Narkotica die Durck-l~ssigkeit gleichfalls zu steigern verm6gen. Verfolgt man welter die Ergebnisse der VitalfArbung, z. B. die Befunde yon SCHLECHT und PARI, won.ach die Leberzellen auf Sch~digungen irgelldwelcher Art mit einer EinbuBe ihres Farbstoffspeiehe-ruilgsverm6gens reagierell, ferner die Beobachtuilgen yon WARBURG und E. NEWTON HARVEY an mit Neutralrot ge-I/~rbten Seeigeleiern, die nach geringffigigen Alterationen eine abnorme DurchlAssigkeit gegellfiber OH-Ionen annahmen, und berficksichfigt man schliel31ich die Untersuchungen ROHDES und IDOIILES fiber die starke Abhgmlgigkeit der Farbstoffausscheidung yon der Ioilenkonzentratioil an den Grenz-flAchen und der Zellinnenreaktioil (BETHE), SO reiht sich der Befund der beschIeunigten Gallenausscheidung des hochdiffusiblen Methylenblaus bei gesch~digter Leber befriedigend in die cellularphysiologischen Erfahrungen ein. Das Ph~nomeI1 der beschleunigten Methylenblauausscheidullg dutch die kranke Leberzelle weist im Grunde genommen nichts Neuartiges auf, wenn man es zu dem Mechanismus der Urobilinurie in Parallele setzt und mit Vorstellungen MIN-KOWSKIS fiber das Wesen der Parapedese vergleicht, die, wie an anderer Stelie zu zeigen sein wird, llach uilserer ~lberzeuguilg, was die Problemstellung betrifft, der Genese zahlreicher Gelbsuchtformen llahekommen dfirfte. Sowohl der Theorie yon der Entstehung def Urobilinurie wie der Parapedese-Lehre MINKOWSKIS liegt die Anschauung von dem ge-st6rtell Speicherullgsverm6gen ulld der abnormen Durch-1Assigkeit der krankell, selbst auch llur leicht geschAdigten Leberzelle zilgrunde. Was bei der Urobilinurie und der Parapedese MINKOWSKIS MS Ausdruck gestSrter Zellfullktionen flir k6rpereigene, hochdiffusible Farbstoffe postuliert wird, ist in unseren Versuchen nunmehr auch ffir einen k6rperfremden, hochdiffusiblen Farbstoff, das MethylenMau, bewiesen. Damit er]~ihrt die Parapedese-Lehre MINKOWSKIS eine neue 9 experimentelle Sti~tze. Uilsere Befunde haben selbstverstAndlich Ilur ffir das hochdiffusible Methy!enblau isolierte Geltung. Sicherlich wird man daher bei Verwelldung allderer Farbstoffe anderen und nieht yon vorilherein ohile weiteres fibersehbaren Ver-hAltnissen begegnen, uild die Cholophilie des einzelnen galle-fAhigen Farbstoffes wird individuellen GesetzmiiBigkeiten gehorchent). Wie kompliziert dieVerhMtnisse liegen, zeigt z. B. das Schicksal des indigschwefelsauren NatrollS beim Hunde, das zwar in hoher Konzentration aus dem Blute abgesondert wird, aber in den Gallenwegen aus~Mlt, dieselben verstopit und nun allmAhlich durch Rfickstauung zu einer rnehr oder minder vollst~ndigen Anffiltung der kleinen und kleillsten Galtenwege fiihrt (CHRZONSZCZNOSKY, HERING, HEIDENHAIN), wAhreild andere Farbstoffe wie das Methylenblau keine Ausflockung in den Gallen:apillaren erfahren uild keinerlei FArbung der Galleng~ngchen hervorrufen. Diese Ausfikllung des Farbstoffes ist besonders charakteristisch Ifir die Hundeleber, tritt dagegen bei Kaninehen, Meerschweinchen, Hfihnern nicht in die Erscheinung (KIYoNo), so dab die Ausscheidungsgesetze der cholophilen Farbstolfe auch je llach der Tierspezies sich Andern k6nilen. Auch die verschiedellartigen Beziehungen der Farbstoffe" zu den Sternzellen und Parenchymzellen dfirften Ursache verschiedener Sekretionsvariailten sein, ganz abgesehen davon, dab der Ausscheidungstypus jedes einzelnen hier in Betracht kommenden Farbstoffes sowohl yon seiner physikalischen und ehemisehen Struktur, yon seinen L6slichkeitsverh~ltnisseI1 und Verteilungsgesetzen im gesunden und krailken Organismus, yon seinen AffinitAten zu den intracellulAren und exkretorischen Strukturgruppeil der verschiedellen Gewebssysteme llicht llur der Leber in schwer entwirrbarer Weise beherrscht werden kann. Es steht daher zu erwarten, worauf auch die Untersuchungen der amerikailischen Autoren AARON und BECK und voN LEPEHNR hinweisen, dab bei Verwenduilg anderer cholophiler Farbstoffe sich andere Ausscheidungstypen ergeben werden. So werden sich vielleicht auf dem beschrittenen Wege neue Eillblicke in die T~tigkeit der Leber beim gesunden und kranken Menschen er6ffnen. Hierfiber sollen weitere Mitteilungen berichten. L i t e r a t u r: M6LLENDORFF, Vitale F/Lrbungen an tierischen Zellen. Ergebn. d. Physiologic. 192o; M/inch. med. Wochenschr.
doi:10.1007/bf01703708 fatcat:faxdl6uhqfconpapvr6rnbikdy