Zur Einleitung: Grenzziehungen der Solidarität

Annette Schnabel, Ulf Tranow
2020 Berliner Journal für Soziologie  
Zusammenfassung Solidaritäten sind von beschränkter Reichweite und gehen mit Grenzziehungen einher. Diese sind historisch kontingent und gesellschaftlich umstritten. Eine Vielzahl gesellschaftlicher Konflikte lassen sich soziologisch als Solidaritätskonflikte deuten, in denen widerstreitende Ideen über Zugehörigkeit, Zusammengehörigkeit und wechselseitige Verantwortung verhandelt werden. Ausgehend von der Vorstellung, dass Solidarnormen den Kern des soziologischen Solidaritätsverständnisses
more » ... sverständnisses ausmachen, geht der Beitrag der Frage nach, was zentrale Dimensionen der Grenzziehung sind. Es wird vorgeschlagen, zwischen sozialen und substanziellen Grenzziehungen zu unterscheiden. Soziale Grenzziehungen beziehen sich darauf, welche Personen(gruppen), Kollektive und Spezies (nicht) zu einem solidarischen "Wir" bzw. zum Solidaritätsradius gezählt werden. Durch soziale Grenzziehungen wird somit bestimmt, wer (keine) Chancen auf Zuwendung, Aufmerksamkeit und Unterstützung hat. Substanzielle Grenzziehungen adressieren dagegen, welche materiellen oder immateriellen Solidarleistungen die Mitglieder eines Solidaritätsradius in welcher Höhe einander schulden und welchen Verbindlichkeitsgrad Solidarität hat. Durch substanzielle Grenzziehungen bestimmen sich damit Anspruchsniveau und Stärke von Solidarität. In beiden Dimensionen sind Grenzziehungen gekoppelt an legitimierende Ideologien und sozialstrukturelle Voraussetzungen. Ein soziologisches Verständnis empirisch beobachtbarer Solidaritätsverhältnisse verlangt, dass das Zusammenspiel beider Dimensionen rekonstruiert wird und die Mechanismen offengelegt werden, auf denen Grenzziehungen in beiden Dimensionen basieren.
doi:10.1007/s11609-020-00414-6 fatcat:3wuqp6isgnahvpg554z7idhyti